Im Gespräch

Lisa Stritzl-Goreczko

Jeder Ehrenamtliche muss betreut werden, denn seine Zeit ist Gold wert“

Lisa Stritzl-Goreczko hat den Luise-Kiesselbach-Preis für bürgerschaftliches Engagement gewonnen. Sie ist neben ihrer hauptamtlichen Tätigkeit als Erzieherin auf der Kinderonkologie in München Schwabing Mitgründerin und bis 2014 Vorstandsvorsitzende der Initiative krebskranke Kinder München e. V. Im Interview beschreibt sie, wie viel man von schwerstkranken Kindern lernen kann und zeigt auf, wie das Haupt- und Ehrenamt miteinander verschmelzen, wenn man seine Berufung gefunden hat.

Wofür engagieren Sie sich und was hat es mit der Initiative für die Unterstützung krebskranker Kinder auf sich?

Ich habe 1981 begonnen hauptberuflich auf der Kinderkrebsstation in München als Erzieherin zu arbeiten. Es war ein braches Land auf der Station: Es gab keine Elternwohnungen, die Eltern haben die Kinder nur selten besuchen können. Die medizinische Versorgung war gegeben, aber die Betreuung und das Zugewandtsein fehlten. Mir war vollkommen klar, dass ich mich engagieren muss, um eine Verbesserung der psychosozialen Versorgung zu ermöglichen. Diese Erkenntnis und das entsprechende Handeln, das war für mich kein Engagement in dem Sinne, sondern ich hab einfach gesehen, dass man da etwas tun muss und hab angepackt. Und 1985 hat sich unsere Initiative krebskranke Kinder in München gegründet. Ein Oberarzt der kinderonkologischen Station, ich und ein Patientenvater, wir haben uns zusammengeschlossen.

Was ist das Ziel der Initiative krebskranke Kinder München e. V.?

Es geht uns um die bessere psychosoziale Versorgung und auch die Nachsorgekoordination. Betroffenen Familien erleichtern wir den Umgang mit der Extremsituation der Erkrankung und schaffen für die Patienten und die Familien mehr Lebensqualität. Wir halten die medizinische und psychosoziale Versorgung der schwerstkranken Kinder aufrecht und wollen die Situation weiter verbessern. Dazu helfen wir finanziell aus und bieten zusätzliche unbürokratische Hilfen an: So unterhalten wir Wohnungen in Kliniknähe, in denen die Familien übernachten können und finanzieren zusätzliches Personal auf der Kinderkrebsstation wie beispielsweise Sozialpädagogen, Psychologen, Kunst- und Musiktherapeuten und Ernährungsberater. Gleichzeitig unterstützen wir die Familien durch Gespräche und Beratung und ermöglichen gemeinsame Aktivitäten für Kinder und Eltern. Außerdem sorgen wir für eine bessere Ausstattung der Kinderkrebsstation, indem wir z. B. mit Kinderbüchern und Fernseher ein Stückchen Alltag in die Klinik holen. Neben zahlreichen weiteren Angeboten sind wir besonders stolz auf unsere Tätigkeit als Träger der Nachsorgeeinrichtung KONA, einem europaweiten Leuchtturmprojekt, und auf das Projekt JuZU, "Jugend & Zukunft", in dem junge Menschen nach einer Krebserkrankung Unterstützung auf dem Weg in einen Beruf erhalten.

Warum engagieren Sie sich dafür, die Versorgungsqualität junger Krebspatientinnen und Krebspatienten zu sichern und auch die Lebensqualität der Angehörigen zu erhöhen?

Man wusste schon früh, wo es in der gesamtheitlichen Versorgung Lücken gibt. Medizinisch und pflegerisch funktioniert die Versorgung, aber ein großer Anteil ist der Bereich, wo Seele und Körper zusammen kommen. Das kann man nicht trennen. Meine Mitstreiter und ich haben das erkannt und wollen hier unterstützen. Wir sahen, wie hoch die Sterblichkeit war. Es gab keine psychosoziale Begleitung, die Kinder waren einsam, die Eltern allein gelassen. Wir haben daran gearbeitet, dass man ein Miteinander schafft. Das waren kleine Dinge: Vom Brezelfrühstück, vom Kochen, vom Malen und Basteln, vom Umräumen im Zimmer, dem Zusammenschieben der Betten... Dabei war es unser Fokus, dass wir auf der Station auf einer Insel sind. Auf dieser Insel ist alles ungewohnt und macht Angst. Auf der Station ist dies der Alltag. Mir war bei meiner Arbeit immer wichtig, Erinnerungen zu sammeln. Erinnerungen für Gelegenheiten in der Zukunft. Ob das nun Zeiten sind, in denen die Kinder gesund sind, sodass man sich gemeinsam daran erinnern kann, wie nett es eigentlich doch war, gemeinsam zu spielen und herumzualbern. Darauf hinzuarbeiten, dass man gemeinsame Erlebnisse hatte, die schön waren, darum ging es mir. Gleichzeitig ging es aber auch um die Familien, die sich durch diese Arbeit in manchen Dingen auch positiv an diese schreckliche Zeit erinnern können. Denn eines muss man verstehen: Bei der Diagnose Krebs, da wird für Kinder wie Eltern von jetzt auf gleich alles anders. Von jetzt auf gleich ist auch das Wissen um die Lebensbedrohlichkeit und den Verlust und auch die Einsamkeit da. Denn in der Krankheit ist man eigentlich immer einsam. Dem haben wir einiges entgegengesetzt: Mein Team und ich, wir waren für den Menschen da. Mit einem nettem Wort oder einfach der Anwesenheit. Ich engagiere mich auch um die Krebserkrankung von Kindern und jungen Menschen zum Thema in der Gesellschaft zu machen. Ich erkläre, dass Krebs nicht ansteckend ist und mache mich stark gegen Vorurteile: "Schau, seine Haare wachsen nach, aber schau du auch, ob dein Denken sich jetzt verändert, nachdem ich dir etwas über diese Krankheit erzählt habe."

Welche Rolle spielt das Engagement für Sie persönlich?

Mit 23 Jahren bin ich auf die Station gekommen. Ich hab ja gar nicht gewusst, was Krebs ist und jetzt bin ich 35 Jahre hier tätig. Ich war immer aktiv. Im täglichen Umgang nicht mit anpacken, das geht für mich nicht. Ich habe versucht, durch persönliche Begleitung den Familien während der Therapie und auf dem Weg der Angst Stütze zu sein, Hoffnung mitzugeben, Gelder zu akquirieren und Netzwerke aufzubauen. Das war mir immer wichtig, denn ich wollte Verantwortung übernehmen. Eine Familie braucht was und ich weiß, dass dieser oder jener genau das Gesuchte hat. Das ist ein gutes Gefühl. Und ich muss nicht mehr tun als den Kontakt herzustellen. Und dann gehe ich wieder raus aus dem Ganzen.

Welche Rolle spielt Engagement in der deutschen Gesellschaft?

Ohne Engagement könnte die Gesellschaft vieles nicht stemmen. Man macht das doch aus der Notwendigkeit heraus: Man sieht etwas und tut etwas dagegen. Das fällt aber leider viel zu wenig auf. Wenn viele Menschen bereit sind sich zu engagieren und gesellschaftliche Aufgaben ehrenamtlich zu übernehmen, dann ist es möglich, die Angebote in Pflege, Gesundheit, Sport und Kultur zu sichern. Wichtig ist auch, dass die engagierten Menschen in ihrem Engagement geführt werden. Jeder Ehrenamtliche muss betreut werden, denn seine Zeit ist Gold wert. Und das macht mich auch stolz, dass ich das geschafft habe.

Was braucht Engagement, um zu wirken?

Engagement macht stark. Das gilt für den Engagierten selbst, aber auch für jene, für die er sich einsetzt. Wie oft bin ich gefragt worden, ob ich nichts Besseres mit meiner Zeit zu tun hätte. Ich mache die Arbeit einfach gerne. Je mehr man darüber spricht, dass man ehrenamtlich tätig ist, desto mehr Vervielfältigung kann man erreichen. Ein Zuhörer wird aufmerksam und denkt, "Mensch, das könnte ich jetzt auch machen." Ich mache seit vielen Jahren wöchentlich ein Brezelfrühstück für die Eltern und Kinder auf der Station. Da schaue ich immer, dass ich jemanden finde, der mir dabei hilft, das Brezelfrühstück herzurichten. Manche Menschen wollen auch gar nicht tief ins Gespräch kommen, sondern einfach etwas tun. Jeden Donnerstag kommen und helfen und danach wieder gehen, das ist auch gut. Auch das hilft den Patienten und ist ein Beitrag. Auch das sind bereichernde Erfahrungen, auch das hat eine Vorbildfunktion. Ob ich auf der Onkologie oder im Hospiz arbeite, ob ich im Fußballverein bin und die Trikots wasche oder ob ich in der Kleiderkammer die Leute einkleide. Engagement gibt mir etwas und auch denjenigen, für die ich aktiv bin. Die ganzen Kinderkrebshilfen, die onkologischen Stationen, die Initiativen und Fördervereine, sie sind notwendig für die Versorgung der Patienten, denn der Staat leistet so vieles nicht. Wir ermöglichen einfach eine gute Versorgung, in der Krankheit, aber auch im Alltag, wenn es darum geht, wie jemand mit einer überstandenen Krebserkrankung wieder ins Leben findet.

Was ist einzigartig an Ihrem Engagement?

Ich sehe mich nicht als einzigartig. Ich arbeite nur einfach schon sehr lange mit krebskranken Kindern und ihren Familien. Und dieses Thema war nie einfach, aber es hat mich nicht gebrochen, es hat mich bereichert. Ich habe durch diese Arbeit so viel erfahren und genau das, was ich durch diese Arbeit mitgenommen habe, das ist für mich einzigartig.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte...

Also wenn ich es jetzt sagen würde, dass es keinen Krebs mehr geben würde... Das ist schwierig. Ein Wunsch wäre es deshalb, dass unsere Initiative mehr Geldspenden bekommt und mehr Paten findet. Als Bild gesprochen ist unsere Initiative ein Geländer. Wir sind eine Stütze in der Zeit der Erkrankung, also in der akuten Therapie, der Nachsorge und auch danach. Wenn die Menschen ins Straucheln kommen, sind wir eines von vielen Geländern, die der Mensch greifen kann. Wir wollen diese Kontinuität aufrechterhalten mit den Angeboten zu Therapien, zur Nachsorge sowie zu Gesprächs- und Wohngruppen. Wir wissen Rat, wenn jemand sich fragt, was mit dem erkrankten Kind passiert, wenn es erwachsen wird, wie Bewerbungen fürs Jobs funktionieren. Bei uns finden Patienten, Eltern und Geschwister ein Geländer. Man kann sich ein bisschen festhalten, rasten, Kraft tanken, sich gestützt fühlen, bleibt dabei aber immer auf dem Weg, den man selbst läuft.

Der Deutsche Engagementpreis dankt Lisa Stritzl-Goreczko, Mitgründerin der Initiative krebskranker Kinder München e. V. und leitende Erzieherin auf der Kinderonkologie München Schwabing, für das Interview. Die Fragen stellte Artemis Toebs, Pressereferentin Deutscher Engagementpreis.

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