Gastbeitrag

Miteinander oder Nebeneinander der Generationen im Engagement?

Dr. Holger Krimmer, Projektleiter "Zivilgesellschaft in Zahlen", Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Gemeinnützige Organisationen sind wichtige Orte der Begegnung für Menschen jeden Alters. Über die Hälfte der Vereine (56 %) in Deutschland stuft die Aussage, bei ihnen würden im Engagement unterschiedliche Generationen aufeinander treffen, als "voll zutreffend" ein. Weitere 18 % bewerten diese Aussage als immerhin "eher zutreffend". Zu einer vergleichbaren Einschätzung kommen Genossenschaften. Jenseits von Familie und Arbeit sind zivilgesellschaftliche Organisationen damit die wichtigsten Arenen für ein Miteinander und Zusammenwirken der Generationen. In Deutschland sind das aktuell etwa 580.000 Vereine, 19.000 gemeinnützige Stiftungen, 10.000 gemeinnützige Gesellschaften und 8.500 Genossenschaften.

Mit dem ZiviZ-Survey 2012 wurde dieses Feld gemeinnütziger Organisationen erstmals repräsentativ befragt. Mit dem Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ) versuchen der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, die Bertelsmann Stiftung und die Fritz Thyssen Stiftung die Datenlage über die organisierte Zivilgesellschaft in Deutschland zu verbessern. Künftig soll der ZiviZ-Survey alle vier bis fünf Jahre wiederholt werden und damit eine Trendbeobachtung ermöglichen.

Für das bürgerschaftliche Engagement – das zeigen die Ergebnisse – ist und bleibt der Verein die wichtigste Organisationsform. Erste Vereine gründeten sich in Deutschland im 18. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten Zeitgenossen wie der Rechtshistoriker Otto von Gierke Vereine bereits für "das eigentlich positive, gestaltende Prinzip der neuen Epoche." Heute sind Vereine in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Handlungsfeldern aktiv: vom Sport über Kultur und Brauchtumspflege, dem Bevölkerungs- und Katastrophenschutz bis hin zu sozialstaatlichen Dienstleistungstätigkeiten in den Feldern Gesundheit und Bildung. Trotz dieses weiten Aufgabenspektrums und der Übernahme von Verantwortung in unterschiedlichen Politikfeldern verfügen die meisten Vereine nur über kleine Budgets. Mehr als die Hälfte aller Vereine hat für die eigenen Aktivitäten jährlich weniger als 10.000 Euro zur Verfügung, die zum größten Teil aus Mitgliedsbeiträgen stammen. Vier von fünf Vereinen arbeiten ohne hauptamtliche Mitarbeiter, allein mit freiwillig Engagierten.

Von einer Krise des Ehrenamtes kann den Ergebnissen der Befragung zu Folge nicht gesprochen werden. Ein Fünftel der befragten Organisationen berichten von einer steigenden Anzahl freiwillig Engagierter, nur 15 % der Organisationen hingegen von einem Rückgang. Unter den Bereichen mit dem größten Anteil von Organisationen, die sich über steigende Engagiertenzahlen freuen können, finden sich gleichermaßen jüngere und älterer Engagementfelder: die internationale Entwicklungshilfe, die sozialen Dienste ebenso wie der Umwelt- und Naturschutz.

Das könnte aber zugleich auf eine Entwicklung weg von gemeinsamen, hin zu je eigenen Engagementarenen der Generationen hinweisen. Denn beispielsweise der Bereich der Entwicklungspolitik spricht dominant jüngere Menschen für ein Engagement an. Im Bereich der sozialen Dienste hingegen engagieren sich mit fast einem Drittel aller Aktiven mehr Ältere (64 Jahre und älter) als in allen anderen Bereichen. Gleichzeitig ist mit dem organisierten Sport aber just der Bereich von einem Rückgang an Engagiertenzahlen betroffen, der bislang am stärksten ein Zusammenwirken der Generationen ermöglicht hat. Die Beobachtung dieser Entwicklung wird mit Sicherheit eine wichtige Rolle zukünftiger wissenschaftlicher Untersuchungen der organisierten Zivilgesellschaft in Deutschland spielen.

Dr. Holger Krimmer

Leiter Projekt "Zivilgesellschaft in Zahlen", Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft