Gastbeitrag

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse

Ehrenamt im Alter – ein bedeutsamer Teil des Humanvermögens

Foto: Pressestelle der Universität Heidelberg

Warum komme ich gerne der Einladung nach, einen Blick auf das Ehrenamt im Alter zu richten? Der Grund dafür liegt nicht nur darin, dass uns das bürgerschaftliche Engagement Hinweise auf den Grad und die verschiedenen Formen der Teilhabe im Alter gibt. Nein, der Grund ist auch darin zu sehen, dass das bürgerschaftliche Engagement das Sorgemotiv älterer Menschen zu veranschaulichen vermag. Die Tatsache, dass ca. 40 Prozent der 65- bis 85-Jährigen einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen, macht deutlich, dass ältere Menschen als ein aktiver, mitverantwortlich handelnder Teil unserer Gesellschaft anzusehen sind und auch als solcher verstanden werden wollen. Die einseitigen Belastungsdiskurse, die in unserer Gesellschaft mit Blick auf die steigende Anzahl hilfe- oder pflegebedürftiger Menschen vorgetragen werden, klammern das Humanvermögen aus, das ältere Menschen mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement unserer Gesellschaft zur Verfügung stellen.

Dabei geht es hier nicht um irgendwelche Formen der Verpflichtung, des moralischen Drucks. Nein, es geht darum, das ehrenamtliche Engagement immer auch auf Motive hin zu befragen, die diesem zugrunde liegen. Ein zentrales Motiv bildet jenes der Mitverantwortung, der Sorge für andere Menschen und um andere Menschen. Dieses Mitverantwortungsmotiv beschränkt sich nicht darauf, andere Menschen zu unterstützen (Sorge für diese zu leisten und sich um diese zu sorgen), sondern schließt auch das Bedürfnis ein, etwas für das Gemeinwohl zu tun, dem Gemeinwohl zu dienen - ein für eine lebendige Demokratie wichtiges Motiv. Die Demokratie "lebt" vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Niemand darf von diesem Engagement ausgeschlossen werden, wenn er bzw. sie dieses praktizieren will: und sei das Engagement nach außen hin auch noch so "klein".

Gerade in solchen Situationen, in denen etwas für Andere getan wird, in denen also das eigene Leben in den Dienst eines anderen Menschen oder einer Sache gestellt wird, können Sinn und Stimmigkeit erlebt werden. Daraus folgt: Man sollte das bürgerschaftliche Engagement nicht im Sinne einer von außen auferlegten Verpflichtung deuten, sondern vielmehr im Sinne einer inneren Verpflichtung, eines inneren Bedürfnisses, nämlich des Bedürfnisses nach einem mitverantwortlichen Leben. In einem öffentlichen Interview des Verfassers mit Margarete Mitscherlich im Jahre 2012 wurden von dieser damals 93-jährigen Psychoanalytikerin der "innere Verpflichtungscharakter" des ehrenamtlichen Engagements, das auch im hohen Alter bestehende Bedürfnis nach Mitverantwortung (im Sinne der aktiven Gestaltung des öffentlichen Raums) und die Schaffung von Rahmenbedingungen besonders hervorgehoben, die für die Umsetzung des Engagementmotivs wichtig seien. Zu diesen Rahmenbedingungen zählte sie dabei vor allem emotional intime Kontexte, in denen das Gespräch mit einigen wenigen Menschen geführt werden sollte. Zudem zählte sie dazu mobilitätsförderliche Bedingungen und - in ihren Augen besonders wichtig - die gezielte Ansprache alter Menschen in folgendem Sinne: Wenn sie sich ehrenamtlich engagieren wollen, so sind sie ausdrücklich eingeladen.

Diese Aussagen sind wichtig, weil sie zeigen, dass nicht wenige Menschen bis in das hohe Alter das Bedürfnis haben, etwas für Andere, etwas für das Gemeinwohl zu tun. Die Schaffung von teilhabefreundlichen Gelegenheitsstrukturen sollte immer auch der Verwirklichung dieses Bedürfnisses dienen - was in keiner Weise mit einer von außen kommenden, moralischen Verpflichtung gleichgesetzt werden darf.

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse ist Direktor des Instituts für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universitäts Heidelberg und Vorsitzender der Siebten Altenberichtskommission der Bundesregierung. Darüber hinaus ist er stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates.

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