Gastbeitrag

Dr. Thomas Röbke

"Ehrenamtliche können für eine freundliche Normalität sorgen und Vertrauen herstellen"

Foto: Roggenthin

Seit gut einem Jahr unterstütze ich zwei unbegleitete Flüchtlinge bei ihrem Hauptschulabschluss. Ich traf auf zwei wissbegierige, freundliche Jungen, die unglaublich schnell die deutsche Sprache erlernten und den Kegelschnitt berechnen konnten.

Die schreckliche Geschichte ihrer Flucht kann hier nicht erzählt werden, aber ihre Träume: Ihr Held ist Joseph oder Yusuf, dessen Legende gleichermaßen in Bibel und Koran steht. Nach Vertreibung durch seine Brüder, falschen Anschuldigungen, die ihn ins Gefängnis bringen und langen Jahren des Exils findet Joseph hochgeachtet zu seiner verzweifelten Familie zurück, verzeiht ihr und legt das Fundament für eine verheißungsvolle, gemeinsame Zukunft.

In den letzten Monaten ist fast aus dem Nichts eine breite Bürgerbewegung des Engagements für Flüchtlinge entstanden. Nachbarschaften schließen sich zusammen, um heimatlos gewordene Menschen in hastig bezogenen Unterkünften willkommen zu heißen. Kirchenkreise laden zu gemeinsamem Kochen und anschließendem Festmahl. Bürgerstiftungen, Freiwilligenagenturen und Mehrgenerationenhäuser organisieren ehrenamtliche Deutschkurse.

Das sind keine Einzelbeispiele. Allein der Bürgerpreis des Bayerischen Landtags erhielt in diesem Jahr Bewerbungen von fast zweihundert Flüchtlingsinitiativen, in denen Tausende aktiv sind. Sie haben ein gemeinsames Anliegen: Nach den furchtbaren Erlebnissen den Neuankömmlingen eine Mitmenschlichkeit entgegenzubringen, die sie wieder Hoffnung schöpfen lässt.

Ehrenamtliche können keine offiziellen Dokumente ausstellen oder Traumata psychologisch aufarbeiten. Aber sie können für eine freundliche Normalität sorgen und Vertrauen herstellen. Ihr Engagement ist auch ein politisches Statement: Es stärkt eine Zivilgesellschaft, die Offenheit und Toleranz zu ihren höchsten Werten zählt.

Dieses Engagement anzuerkennen, etwa durch Preise großer Stiftungen und Unternehmen oder Auszeichnungen des Staates, verleiht Rückenwind. Es zeigt, dass auch unsere wichtigsten Institutionen für das einstehen wollen, was die Ehrenamtlichen beispielhaft vorleben: Eine von Herzen kommende Solidarität für jene, die es schlechter haben.

Viele Preise, auch der Deutsche Engagementpreis, würdigen in diesem Jahr daher zurecht Flüchtlingsinitiativen. Sie setzen damit ein Zeichen, dass sich unsere Gesellschaft an diesem Punkt nicht auseinanderdividieren lässt. In meinen Augen sind diese Preise daher nicht nur verdiente Auszeichnungen für die vielen Helferinnen und Helfer, sondern auch Selbstverpflichtungen der Institutionen, die sie verleihen.

Dr. Thomas Röbke ist geschäftsführender Vorstand des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern e.V.

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