Standpunkt-Interview

"Bereitschaft für freiwilliges Engagement stärken"

Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Prof. Dr. Sebastian Braun leitet das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

 

Was motiviert Menschen zum freiwilligen Engagement?

Wir beobachten einen erheblichen Strukturwandel: Früher gab es meist einen weltanschaulichen Hintergrund, das Engagement war damit häufig an typische Träger- Organisationen gebunden. Beispiele wären die Caritas oder die Diakonie. Heute findet Engagement eher zeitlich befristet und projektbezogen in verschiedenen Bereichen und Organisationsformen statt. Menschen werden aktiv in Phasen, in denen es in ihr Leben passt. Sie suchen sich dann Bereiche aus, die sie interessieren und die ihnen Spaß machen, zum Beispiel Sport. Oft entsteht Engagement auch aus persönlicher Betroffenheit heraus, gerade im sozialen Bereich.

Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist nicht engagiert. Was hält sie davon ab?

Die Schlüsselfaktoren sind niedrige Bildung und mangelnde soziale Absicherung. Es hat sich gezeigt, dass sich Weitere Impulse für freiwilliges Engagement sind von der Aufklärung über die verschiedenen Engagementformen zu erwarten. So betont die Kampagne »Geben gibt.« die vielfältigen Möglichkeiten, sich zu engagieren: durch Stiften, Spenden oder das Ehrenamt. Doch auch die Politik ist gefragt. Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen und eine wirksame Engagementpolitik betreiben. Dazu gehören beispielsweise ein gesetzlicher Rahmen für die Engagementförderung und eine Stärkung der Anerkennungskultur. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist getan: Das »Nationale Forum für Engagement und Partizipation« mit 300 Mitgliedern aus Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft begleitet die Entwicklung einer nationalen Engagementstrategie. Das Forum kam im April und Mai zu zwei Arbeitstreffen beispielsweise Erwerbslose mit der Zeit aus dem gesellschaftlichen Leben mehr und mehr zurückziehen. Damit sinkt auch die Bereitschaft für freiwilliges Engagement, das sich in Vereinen, Projekten und Initiativen im öffentlichen Raum abspielt.

Wie könnten die Menschen motiviert werden?

Zahlreiche staatliche und bürgerschaftliche Initiativen unterstützen Erwerbslose beim Wiedereinstieg in das gesellschaftliche Leben. Dazu gehört auch, dass die Menschen Erfahrungen mit Freiwilligendiensten machen. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Integration von Engagement in das Bildungssystem. Schon Schulkinder sollten Fähigkeiten und Kompetenzen außerhalb des Lehrplans erwerben können, zum Beispiel durch projektorientierte Aktivitäten im Rahmen eines bürgerschaftlichen Engagements. Es bedarf einer »Handlungsfähigkeit in der Bürgergesellschaft«, die frühzeitig und systematisch zu entwickeln ist.