Standpunkt-Interview

"Anerkennung ist eine zentrale Form der Förderung bürgerschaftlichen Engagements"

Markus Grübel, Mitglied des Deutschen Bundestages

Foto: Markus Grübel MdB

 

Markus Grübel war Vorsitzender des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement“ im Deutschen Bundestag und gehörte der Jury des Deutschen Engagementpreises 2012 an.

 

 

 

Herr Grübel, was kann die Politik tun, um bürgerschaftliches Engagement in Deutschland zu unterstützen?

Politik kann und soll bürgerschaftliches Engagement nicht verordnen, sie kann es aber durch engagementfreundliche Rahmenbedingungen fördern. Seit die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ vor zehn Jahren ihren Abschlussbericht vorgelegt hat, sind wir in dieser Hinsicht ein gutes Stück vorangekommen. So wurden in den letzten beiden Legislaturperioden u. a. der Schutz der Engagierten in der gesetzlichen Unfallversicherung erweitert, das Spenden- und Gemeinnützigkeitsrecht reformiert, Modellprogramme für generationsübergreifende Freiwilligendienste und Mehrgenerationenhäuser eingerichtet sowie Infrastruktureinrichtungen des bürgerschaftlichen Engagements gefördert.

Aus der laufenden Legislaturperiode möchte ich zwei Aspekte hervorheben: Am 6. Oktober 2010 hat das Bundeskabinett erstmals eine Nationale Engagementstrategie beschlossen, in der Ziele und Grundsätze für eine nationale Engagementpolitik formuliert und mit konkreten Maßnahmen zu den Schwerpunktthemen Integration, Bildung, Bewahrung der Schöpfung, demografischer Wandel und internationale Zusammenarbeit unterfüttert sind.

Darüber hinaus wurde am 1. Juli 2011 der Bundesfreiwilligendienst als zweite Säule neben den bewährten Jugendfreiwilligendienstformaten FSJ und FÖJ eingeführt, um möglichst vielen Menschen einen verbindlichen längerfristigen Einsatz für die Allgemeinheit zu ermöglichen. Über die Öffnung des Dienstes für beide Geschlechter und alle Generationen leistet der Bundesfreiwilligendienst auch einen wichtigen Beitrag zum besseren Zusammenhalt der Gesellschaft. Trotz kritischer Stimmen und Bedenken im Vorfeld hat sich der neue Dienst schnell zu einem bemerkenswerten Erfolgsmodell entwickelt. Alle 35.000 Plätze im Bundesfreiwilligendienst konnten schneller als erwartet besetzt werden. Hinzu kommen noch einmal 50.000 Freiwillige in den Jugendfreiwilligendiensten FSJ und FÖJ, mit denen im Jahrgang 2011/2012 gerechnet wird. Mit 300 Millionen Euro stellt der Bund in diesem Jahr so viel Geld wie nie zuvor für freiwilliges Engagement bereit.

Ein wichtiges und dauerhaftes Thema für die Politik ist auch die Stärkung der Anerkennungskultur. Anerkennung ist eine der zentralen Formen der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, in der zum Ausdruck kommt, welcher Stellenwert bürgerschaftlichem Engagement in einer Gesellschaft beigemessen und den Engagierten vermittelt wird. Ich freue mich daher sehr, seit diesem Jahr Mitglied der Jury des Deutschen Engagementpreises zu sein. Der Preis ist auch ein Zeichen dafür, dass die Politik in diesem Themengebiet sehr aktiv ist, denn das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert das Projekt zur Hälfte.

Der Deutsche Engagementpreis ehrt seit 2009 jährlich engagierte Personen und Organisationen. Warum ist es bedeutsam, dass freiwilliges Engagement öffentliche Aufmerksamkeit bekommt?

Öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung spielen eine große Rolle für die bürgerschaftlich Engagierten. Im letzten Freiwilligensurvey hat sich ein Viertel der Engagierten für bessere öffentliche Anerkennung, z. B. durch mehr Ehrungen, ausgesprochen. Fast die Hälfte der Engagierten wünscht sich zudem eine bessere Würdigung durch Berichte in Presse und Medien. Im Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit in den Medien konkurriert das bürgerschaftliche Engagement allerdings mit anderen Themen. Deshalb sind Auszeichnungen, die – wie der Deutsche Engagementpreis – bundesweit Aufmerksamkeit erzeugen, wichtig, um die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Gesellschaft herauszustreichen. Die diesjährige Schwerpunktkategorie des Deutschen Engagementpreises „Engagement vor Ort“ macht dies besonders deutlich. Ohne die vielen Ehrenamtlichen in freiwilligen Feuerwehren und Rettungsdiensten wäre es um die soziale Infrastruktur in den Kommunen schlecht bestellt, und ohne die bunte Vielfalt des lokalen Engagements in Bürgerinitiativen, Nachbarschaftszentren, Kultur- und Bildungseinrichtungen wären unsere Städte und Gemeinden deutlich weniger lebenswert.

Wofür setzen Sie sich in Ihrem politischen Amt konkret ein, wenn es um die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement geht?

Als Vorsitzender des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement“ setzte ich mich dafür ein, dass die Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement weiter verbessert und Gesetzesinitiativen auf ihre Engagementverträglichkeit hin überprüft werden. Ehrenamtlich engagiere ich mich zudem als Vorsitzender der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e. V. Die KAS betreut Soldatinnen und Soldaten an Bundeswehrstandorten im In- und Ausland. Außerdem hilft sie den Familienangehörigen durch gemeinsame Freizeitgestaltung und weitere Betreuungsangebote.

Wo sehen Sie noch Nachbesserungsbedarf an den Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement? Was sollte Ihrer Meinung nach anders werden?

Im Großen und Ganzen haben wir bereits gute Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement in Deutschland, was natürlich nicht heißt, dass diese nicht noch verbessert werden können. Ich denke zum Beispiel an das Thema „Bürokratieabbau“ oder an eine noch bessere Abstimmung in der Engagementpolitik zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Ein Problem ist auch, dass der Bund aus finanzverfassungsrechtlichen Gründen nur Modellprojekte fördern kann. Dadurch gelingt es bisher noch nicht in ausreichendem Maße, gute Ideen und Initiativen, die in Modellprojekten entwickelt worden sind, in die Breite zu transferieren und nachhaltig zu sichern.

Sind Sie selbst freiwillig engagiert und wenn ja, wofür?

Ich bin bereits seit frühester Jugendzeit freiwillig engagiert. So war ich Ministrant und Pfarrjugendleiter in meiner Heimatpfarrei und 20 Jahre im Kirchengemeinderat. Auch heute noch bin ich Lektor und Kommunionhelfer. Über die kirchliche Jugendarbeit bin ich in die Kommunalpolitik gelangt, wo ich seit 23 Jahren ein Gemeinderatsmandat für die CDU in Esslingen bekleide. Zudem bin ich seit 2006 Präsident des Blasmusikverbands Esslingen, seit 2007 Vorsitzender der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung. Weiterhin engagiere ich mich im ZdK. Ich bin Mitglied im Diözesancaritasrat und seit 2011 Vorsitzender der unabhängigen Kommission Sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Was wünschen Sie sich für die zukünftige Entwicklung des freiwilligen Engagements in der Bundesrepublik?

Ich wünsche mir, dass die Potenziale und positiven Wirkungen des bürgerschaftlichen Engagements noch stärker wahrgenommen werden. Leider dominiert in der öffentlichen Diskussion oft noch ein Negativdiskurs. Bürgerschaftlich Engagierte sind weder unprofessionelle Laien noch „Ausfallbürgen“ für den Sozialstaat in finanziell angespannten Zeiten, sondern Bürgerinnen und Bürger, die die Bürgergesellschaft aktiv mitgestalten wollen. Ich erinnere mich auch noch an die düsteren Szenarien vom angeblich drohenden Zusammenbruch der sozialen Einrichtungen in Deutschland durch den Wegfall des Zivildienstes und die erheblichen Zweifel an der Zielsetzung der Bundesregierung, 35.000 Freiwillige für den neuen Bundesfreiwilligendienst zu gewinnen. Die große Nachfrage nach dem Bundesfreiwilligendienst unterstreicht einmal mehr, welch große Bereitschaft zum Engagement für das Gemeinwesen in unserem Land vorhanden ist. Dies sollten wir noch stärker als bisher würdigen und wertschätzen und jedem Interessierten einen Freiwilligendienst ermöglichen.