Standpunkt-Interview

"Wir sind für die gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation älterer Menschen"

Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Lehr, Vorsitzende Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen

Foto: BAGSO

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Lehr ist eine führende Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO).

 

 

Frau Prof. Dr. Lehr, Sie sind die Vorsitzende der BAGSO. Was genau macht die BAGSO? Wofür setzt sie sich ein?

Die BAGSO ist die Dachorganisation von über 100 Senioren-Verbänden und vertritt somit etwa 13 Millionen ältere Bürgerinnen und Bürger. Wir setzen uns für ein realistisches Altersbild in der Gesellschaft ein, das sehr differenziert zu sehen ist. Das Alter hat viele Gesichter: neben dem Hilfsbedürftigen gibt es weit mehr Gleichaltrige, die hochkompetent sind. Wir sind für die gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation älterer Menschen, für ein solidarisches Miteinander der Generationen. Wir setzen uns ein für eine hochwertige gesundheitliche und pflegerische Versorgung – und vertreten die Interessen älterer Verbraucher.

Sie bemühen sich darum, die Potenziale des Alters sichtbar zu machen. Welche Potenziale sind besonders hervorzuheben und wie können diese genutzt werden?

Die Potenziale Älterer sind sehr vielseitig; die meisten Älteren haben einen reichen Erfahrungsschatz, können schwierige Situationen geschickt meistern. Die Erfahrungen können in Beratertätigkeiten genutzt werden – und in vielfältigen Formen ehrenamtlicher Betätigung. Aber noch einmal: Ältere Menschen, auch Gleichaltrige, sind sehr unterschiedlich!

Im Freiwilligensurvey 2009 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird deutlich, dass es in den letzten Jahren einen spürbaren Anstieg des freiwilligen Engagements älterer Menschen gegeben hat. Wie erklärt sich dieses Phänomen?

Einmal, weil wir heute älter werden und dabei gesünder sind als frühere Generationen Gleichaltriger. Außerdem hatten Ältere früher noch stärker als heute Familienpflichten, hatten mehr Enkelkinder. Wenn man heute aus dem Berufsleben ausscheidet, hat man noch ein Viertel seines Lebens vor sich, oft sogar ein Drittel – bei besserer Gesundheit als dies früher der Fall war. Und viele freiwillig Engagierte suchen noch eine neue Aufgabe. Studien zeigen, dass „the feeling of being needed“, das Gefühl, gebraucht zu werden, mit Lebenszufriedenheit im Alter hoch korreliert. Mit anderen Worten: gut tun – tut gut!

In welchen Bereichen engagieren sich ältere Menschen besonders häufig?

In den verschiedensten Vereinen, vom Sportverein über religiöse Vereine, Caritas, Diakonie, in Selbsthilfegruppen; sie übernehmen Patenschaften für Berufsanfänger oder auch für Grundschüler als „Lesepaten“, in Besuchsdiensten in Altenheimen – und vielen anderen Einrichtungen. Zunehmend engagieren sich ältere Menschen auch in den Bereichen Kultur und Musik. Sie können sich dank ihres großen Erfahrungsschatzes in zahlreichen Themengebieten einbringen, und tatsächlich ist das Engagement Älterer heute auch stärker von persönlichen Interessen geleitet als früher.

Was motiviert Ihrer Meinung nach ältere Menschen zum freiwilligen Engagement?

Einmal Verantwortungsbewusstsein, sodann die Suche nach einer neuen Aufgabe, - bestimmt auch die Gelegenheit, mit anderen Menschen zusammenzukommen, manchmal auch, etwas Neues zu lernen oder aber einen lange gehegten Wunsch zu verfolgen.

Viele Menschen möchten sich engagieren, wissen jedoch nicht wie und wo sie ihr Vorhaben umsetzen können. Wie können insbesondere ältere Menschen an Engagement herangeführt werden?

Nahezu in jeder Stadt gibt es ein Seniorenbüro oder eine „Freiwilligen-Vermittlung“, oft gibt auch das Internet Auskunft, an wen man sich vor Ort wenden kann, oder auch das Sozialdezernat der Stadtverwaltung oder die Kirchengemeinden. Erfolgreich ist natürlich immer die persönliche Ansprache, das „Mitnehmen“.

Welcher gesellschaftspolitischen Voraussetzungen bedarf es, um die Engagementkultur in Deutschland nachhaltig zu sichern und auszubauen? Gibt es Probleme oder „Stolpersteine“, mit denen speziell Senioren im Rahmen ihres freiwilligen Engagements konfrontiert sind?

Es bedarf einer größeren Anerkennung des Ehrenamtes, es bedarf entsprechender Rahmenbedingungen, entsprechender Organisation, manchmal auch spezieller Schulungen und Vorbereitungen. Wichtig ist dabei, die Trennung von Engagement und Erwerbsarbeit deutlich zu machen. Versicherungsleistungen für die Engagierten müssen geklärt sein, dasselbe gilt für etwaige Transportprobleme. Und es bedarf der professionellen Begleitung ehrenamtlicher Dienste, der gegenseitigen Aussprache.

Der Deutsche Engagementpreis hat das Ziel, die Anerkennungskultur für bürgerschaftliches Engagement in Deutschland zu stärken und dessen Sichtbarkeit zu erhöhen. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, das freiwillige Engagement stärker zu würdigen?

Weil Anerkennung motiviert. Und schließlich haben die Engagierten die besondere Anerkennung auch verdient. Unsere Gesellschaft wäre arm, wäre fast unmenschlich, wenn es keine Ehrenamtlichen gäbe. Seniorinnen und Senioren wollen und sollen mitreden, mitwirken, mitgestalten. Das hilft unserer Gesellschaft – und das hilft auch ihnen selbst. Es trägt zu einem als erfüllt erlebten Lebensabend bei.