Standpunkt-Interview

"Das Spenden-Siegel dient als „Brücke des Vertrauens“"

Burkhard Wilke, Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI)

 

Burkhard Wilke ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).

 

 

 

Herr Wilke, was genau macht das DZI?

Das DZI stellt seit 1893 vielfältige "Hilfen für Helfer" bereit: für Haupt- und Ehrenamtliche, die sich in der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und Wohlfahrtspflege engagieren, aber auch für Spenderinnen und Spender, die mit Geld helfen möchten. Unsere Fachbibliothek und die Literaturdatenbank SoLit bieten den in der Sozialarbeit Tätigen, Studierenden und Lehrenden einen schnellen, gezielten Zugang zu aktueller und historischer Fachliteratur. Unsere Fachzeitschrift Soziale Arbeit berichtet über neue Erkenntnisse in Theorie und Praxis, dient als Podium für Diskussionen und stößt diese auch selbst an. Mit der Vergabe des Spenden-Siegels bieten wir der Öffentlichkeit eine besonderes hochwertige, leicht verständliche Entscheidungshilfe. Unsere Spenderberatung veröffentlicht auch Auskünfte und zum Teil Warnungen über Organisationen ohne Spenden-Siegel. Wir beteiligen uns an fachlichen Debatten zum Spendenwesen, erhöhen mit Veröffentlichungen zur Spendenstatistik die Transparenz des Sektors, leisten aber keine Interessenvertretung für Spenden sammelnde Organisationen.

Welche konkreten Anhaltspunkte liefert das DZI-Spendensiegel für den Spender?

Da die Spenden-Siegel-Prüfung freiwillig ist, beweist schon die Antragstellung selbst ein sehr hohes Maß an Verantwortungsgefühl der betreffenden Organisation gegenüber ihren Spenderinnen und Spendern, aber ebenso auch gegenüber den Empfängern ihrer Leistungen. Konkret signalisiert die Zuerkennung des Spenden-Siegels, dass eine Organisation angemessene und wirksame Leitungs- und Aufsichtsstrukturen hat, die Werbe- und Informationsarbeit klar, wahr, sachlich und offen gestaltet ist, ihre Mittel wirtschaftlich, sparsam und mit der größtmöglichen Wirksamkeit verwendet, angemessene Vergütungen zahlt und hierüber transparent berichtet, ihre Rechnungslegung zeitnah erstellt, extern prüfen lässt und in ihren Grunddaten zukünftig auch veröffentlicht, und schließlich, dass sie insbesondere im frei zugänglichen Jahresbericht und auf der Website offen und umfassend über ihre Arbeit, Strukturen und zukünftig auch die Finanzen berichtet.

Welche Organisationen können das Spendensiegel beantragen und wie viele Organisationen haben derzeit in Deutschland diese Auszeichnung?

Das Spenden-Siegel können gemeinnützige Organisationen beantragen, die überregional Spenden sammelnd tätig sind. Ab 2011 wird die Voraussetzung der überregionalen Sammeltätigkeit durch ein Mindestaufkommen an Geldspenden in Höhe von jährlich 25.000 Euro ersetzt. Damit zielt das Siegel auf all jene Organisationen, die sich mit ihren Spendenaufrufen an eine größere Öffentlichkeit richten, d. h. auch an viele Menschen, die selbst keinen unmittelbaren Kontakt zu den Verantwortlichen der Organisation haben und deshalb an unabhängigen, hochwertigen Informationen zu deren Verlässlichkeit interessiert sind. Hier dient das Spenden-Siegel als "Brücke des Vertrauens". Grob geschätzt dürften etwa zwei- bis dreitausend Spendenorganisationen in Deutschland so umfangreiche Spendensammlungen durchführen, aber nur der geringere Teil von ihnen genügt vermutlich dem Standard des Spenden-Siegels, das sich ja als besonders anspruchsvollen Nachweis für Vertrauenswürdigkeit und Leistungsfähigkeit versteht und nicht etwa als niedrigschwellige Basisprüfung. Rund 470 Organisationen haben seit der Einführung des Siegels 1992 die Zuerkennung beantragt; durchschnittlich 30 Prozent der Erstanträge sind nicht erfolgreich. Derzeit tragen 267 Organisationen das DZI Spenden-Siegel, mit einem gemeinsamen jährlichen Sammlungsvolumen von rund 1,4 Mrd. Euro. Trägt eine Organisation nicht das Spenden-Siegel, so heißt das natürlich nicht gleich, dass sie nicht unterstützungswürdig wäre. Zum einen gibt das DZI auch über viele hundert Spendenorganisationen ohne Siegel auf Anfrage Auskunft, und schon bald wird ein Großteil dieser Auskünfte auf unserer neuen Website noch leichter als bisher zugänglich sein. Zum anderen sollten Spenderinnen und Spender bei Hilfswerken ohne Siegel selbst genauer hinsehen und etwa darauf achten, ob sie aussagekräftige Jahresberichte veröffentlichen, die auch umfassende Angaben zu den Finanzdaten enthalten.

Das DZI hat gerade verschärfte Leitlinien für das DZI-Spendensiegel erarbeitet, die zu mehr Transparenz im Spendenwesen beitragen sollen. Für Spendenorganisationen gehen diese Neuerungen mit größerem bürokratischem Aufwand einher, weshalb hier teilweise auch deutliche Kritik geäußert wurde. Warum sind zukünftig dennoch stärkere Kontrollen nötig?

Ich halte nichts davon, wirkungsvollen Prüfungen und angemessenen Regeln für Spenden sammelnde Organisationen kurzerhand das Etikett des "großen bürokratischen Aufwands" zu verpassen. Das Spenden-Siegel hat sich in den vergangenen 18 Jahren einen sehr guten Ruf als hochwertige, unabhängige Entscheidungshilfe für Spenderinnen und Spender erarbeitet. Um diesen Ruf für die Zukunft zu bewahren und weiter zu stärken, darf das Siegel nicht stagnieren, sondern müssen wir das Prüfverfahren weiter entwickeln, so wie sich ja auch die Arbeit der Spendenorganisationen dynamisch verändert. In den vergangenen neun Monaten haben wir die Siegel-Organisationen, interessierte Dachverbände und weitere Experten sehr umfassend in die Entwicklung der neugefassten Spenden-Siegel-Leitlinien einbezogen; im Januar, April und August haben wir jeweils die weiterentwickelten Entwurfsfassungen veröffentlicht und kontinuierlich die zahlreichen Rückmeldungen und Gespräche dazu analysiert und einbezogen. So konnte schließlich am 17. September der Vorstand der Stiftung DZI über eine Neufassung zum 01.01.2011 beschließen, die sinnvolle Weiterentwicklungen und notwendige Verschärfungen enthält, aber keinen unnötigen "bürokratischen Aufwand" verursacht. Die Überarbeitung wurde nach 14 Jahren nötig, weil sich Arbeitspraktiken im Spendenwesen weiterentwickelt haben - zum Beispiel bei Provisionszahlungen oder bei der Telefonwerbung, aber auch weil die Spenderinnen und Spender neue Erwartungen an die Organisationen entwickelt haben - zum Beispiel hinsichtlich der Veröffentlichung von Finanzdaten oder Leitungsgehältern - und weil schließlich auch uns selbst Schwachstellen im bisherigen Prüfverfahren aufgefallen sind - zum Beispiel hinsichtlich der Anforderungen an die Leitungs- und Aufsichtsstrukturen.

Große Organisationen müssen häufig hohe administrative Standards erfüllen, da öffentliche Geldgeber umfangreiche Anforderungen an die Rechenschaftslegung stellen. Spender haben deshalb Vorbehalte, dass ein Großteil der Spendengelder in die berüchtigten Verwaltungskosten fließt. Sind diese Bedenken berechtigt?

Ja, leider gibt es tatsächlich nicht wenige Fälle von unvertretbar hohen Werbe- und Verwaltungsausgaben; aber sie sind insgesamt deutlich in der Minderzahl. Wir verweisen an vielen Stellen in unseren Informationsmaterialien darauf, dass Werbe- und Verwaltungsausgaben in angemessenem Umfang nicht nur legitim, sondern sogar notwendig sind, um eine kompetente, wirkungsvolle und nachhaltige gemeinnützige Arbeit zu leisten. Unsere 267 Spenden-Siegel-Organisationen wandten im Jahr 2007 durchschnittlich 13,8 Prozent ihrer jährlichen Gesamtausgaben für Werbung und Verwaltung auf und die Höchstgrenze liegt mit unseren neuen Leitlinien zukünftig bei 30 Prozent. Spenderinnen und Spender akzeptieren derartige Größenordnungen nach unserer Erfahrungen in hohem Maße - vorausgesetzt, die Organisationen gehen mit den Zahlen transparent um und erläutern sie gut verständlich. Mit diesen Informationen liegt aber noch einiges im Argen, auch wenn es erfreulicherweise immer mehr Jahresberichte gibt, in denen aussagekräftige Zahlen veröffentlicht werden und zum Beispiel der Werbe- und Verwaltungskostenanteil ausdrücklich "nach DZI-Maßstab" ausgewiesen wird.

Worauf zielt die "Initiative Transparente Zivilgesellschaft" ab, die das DZI gemeinsam mit mehreren gemeinützigen Dachverbänden und Hilfsorganisationen ins Leben gerufen hat?

Über eine freiwillige Selbstverpflichtung will die ITZ erreichen, dass möglichst viele zivilgesellschaftliche Organisationen mit minimalem Aufwand wesentliche Grundinformationen öffentlich zugänglich machen: Name und Anschrift, Leitungspersönlichkeiten, Gemeinnützigkeitsstatus, Tätigkeitsbericht, Einnahmen und Ausgaben, wesentliche institutionelle Verbindungen. Zwar findet keine inhaltliche Prüfung der Informationen statt, aber da es ansonsten keinerlei gesetzliche Veröffentlichungspflicht für den größten Teil dieser Organisationen gibt, bietet die Selbstverpflichtung der ITZ die Chance, die Basistransparenz zivilgesellschaftlicher Organisationen erkennbar zu erhöhen. Gerade für kleine Organisationen ist die ITZ- Selbstverpflichtung ein wichtiger und sehr einfacher erster Schritt, einer größeren Öffentlichkeit gegenüber Transparenz zu beweisen. Es ist aber natürlich nicht vergleichbar mit der umfassenden, unabhängigen Prüfung des Spenden-Siegels und auch nicht mit den sehr viel detaillierteren Verhaltenskodizes, die einige Dachverbände des Dritten Sektors für ihre Mitglieder eingeführt haben.

Sehen Sie noch Refombedarf im deutschen Spenden- und Gemeinnützigkeitsrecht?

Die vom DZI im Auftrag des Bundesfinanzministeriums 2009 erstellte Studie zur Überprüfung der Auswirkungen des 2007 novellierten Gemeinnützigkeits- und Spendenrechts hat ergeben, dass die jüngste Reform erkennbar positiver für die Stiftungen gewirkt hat als etwa für die Vereine. Das lässt auf einen Bedarf schließen, in Bezug auf Vereine, die ja den Großteil des ehrenamtlichen Engagements organisieren, über weitere Reformen nachzudenken. Wichtig wären dafür aber auch intensivierte Forschungen, um noch verlässlichere Anhaltspunkte für die Auswirkungen der bestehenden Gesetzeslage zu erhalten. Einen weiteren Reformbedarf sehe ich beim Sammlungsrecht. Die Aufhebung der Sammlungsgesetze in mittlerweile elf Bundesländern ist eine für das Vertrauen der Öffentlichkeit fatale Entwicklung. Wir hielten es für sehr sinnvoll, in allen Bundesländern die moderne und sehr wirksame Form der Sammlungsaufsicht einzuführen wie sie seit etwa sechs Jahren in Rheinland-Pfalz praktiziert wird.

Die Grundintention der Kampagne "Geben gibt." ist das Aufzeigen der Facetten des bürgerschaflichen Engagements - neben dem Geben von Zeit und Ideen zählt dazu auch das Geben von Geld - also das Stiften und Spenden. Wie steht es denn um die Spendenbereitschaft der Deutschen?

Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist sehr stabil und bei besonders stark öffentlich wahrgenommenen Katastrophen sind die Menschen hierzulande auch schnell bereit, zusätzlich zu spenden. Im Pro-Kopf-Vergleich der Spenden liegt Deutschland aber international eher im Mittelfeld. So haben die Deutschen etwa bei dem Erdbeben in Haiti 2,30 Euro pro Einwohner gespendet, die Schweiz jedoch 7,10 Euro, die Niederlande 4,10 und Kanada 3,30 Euro.

Mit der kalten Jahreszeit beginnt traditionell "die Spendensaison". Welche konkreten Tipps geben Sie unseren Lesern als Orientierungs- und Entscheidungshilfe für Ihre Spendenvergabe?

Spenden Sie informiert und spenden Sie gezielt. Achten Sie auf das DZI Spenden-Siegel, holen Sie eine Auskunft des DZI ein oder achten Sie darauf, dass die betreffende Organisation sich zumindest der Initiative Transparente Zivilgesellschaft angeschlossen hat oder Mitglied in einem Dachverband mit einem überzeugenden Verhaltenskodex ist. Man sollte seine Spenden auf einige wenige Organisationen konzentrieren, da man sonst unnötig viel Verwaltungs- und Werbeaufwand auslöst. Und man sollte im Regelfall ohne bestimmte Zweckbindung spenden - Ausnahmen sind besondere Katastrophenfälle wie zum Beispiel die Überschwemmung in Pakistan.

Wie sieht es mit Haustürsammlung und Spendendosen aus? Ist bei Bargeldspenden grundsätzlich Vorsicht geboten?

Da mittlerweile leider die meisten Bundesländer ihre Sammlungsgesetze abgeschafft haben, sind gerade Straßensammlungen mit Bargeldspenden oft fragwürdig - es sei denn Sie kennen die betreffende Organisation und sind sich ihrer Seriosität hundertprozentig sicher. Eine Faustregel ist: Immer dann, wenn Sie sich unangemessen unter Druck gesetzt fühlen, sei es durch ein Werbegespräch oder die Aufmachung eines Werbebriefs, sollten Sie die betreffende Organisation nicht unterstützen.

Bei Katastrophen, wie etwa 2010 bei dem Beben in Haiti, kommen in der Regel riesige Spendensummen zusammen - laut Experten manchmal mehr, als überhaupt nötig. Ist es dennoch sinnvoll, bei solchen aktuellen Anlässen zu spenden?

Ja, sicher ist das sinnvoll. Aber alle Organisationen, die in solchen Fällen um Spenden bitten, müssen sehr sorgfältig im Blick haben, ab wann sie für die konkrete Notlage möglicherweise ausreichend finanziert sind, und müssen dann ihren Aufruf einstellen oder ausdrücklich für andere Zwecke öffnen. Wichtig ist aber auch, dass die Organisationen nicht in ihrem Bemühen nachlassen, um Unterstützung für Projekte zu werben, die gerade nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit sind. Hier haben auch die Medien eine Verantwortung, bei ihrer Berichterstattung die Verhältnismäßigkeit im Blick zu behalten und differenziert auch über dringenden Hilfebedarf jenseits spektakulärer Ereignisse oder Bilder zu berichten.