Standpunkt-Interview

"Innerhalb der Sektoren den Kooperationsgedanken noch stärker verankern"

Christoph Zeckra, Leiter und Gesamtverantwortlicher Generali Zukunftsfonds

Foto: Generali Deutschland


Christoph Zeckra leitet als Gesamtverantwortlicher den Generali Zukunftsfonds, eine Einrichtung der Generali Deutschland. Der Zukunftsfonds unterstützt bundesweit Projekte mit dem Schwerpunkt "Förderung des Engagements von und für die Generation 55 plus" und ist einer der drei Förderer des Deutschen Engagementpreises.

 

 

Die Schwerpunktkategorie des Deutschen Engagementpreises 2013 "Gemeinsam wirken - mit Kooperationen Brücken bauen" würdigt Projekte, in denen verschiedene Initiativen gemeinsam gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen wollen. Herr Zeckra, welchen Stellenwert haben Kooperationen im Bereich des freiwilligen Engagements in Deutschland?

Wenn unterschiedliche Initiativen mit vereinten Kräften zusammenarbeiten, entstehen Synergieeffekte, von denen alle Beteiligten profitieren. Deshalb ist es wichtig, innerhalb der Sektoren den Kooperationsgedanken noch stärker zu verankern - bei den Engagierten einerseits, bei den Ermöglichern und Förderern andererseits. Für wichtig halte ich sektorenübergreifende Kooperationen, also die Zusammenarbeit von Organisationen des Dritten Sektors mit Wirtschaftsunternehmen oder staatlichen Institutionen. Oft ist schon allein der Austausch ein Gewinn, wissen die Sektoren und deren Vertreter doch in vielen Fällen gar nicht richtig, wie die jeweils anderen arbeiten und was die entscheidenden Herausforderungen sind. Bei all dem ist es wichtig, dass tatsächlich Brücken gebaut werden - nicht nur zwischen den Sektoren, sondern auch zu den Engagierten, zwischen den Engagierten untereinander und natürlich auch zu den Menschen, die vom jeweiligen Thema betroffen sind. Denn nicht nur das Resultat ist wertvoll, sondern bereits der Prozess des gemeinsamen Wirkens.Können wir das gemeinsame Wirken noch durch gemeinsam erarbeitete Ziele untermauern, befinden wir uns auf dem bestmöglichen Weg.

Legt deshalb der Generali Zukunftsfonds demnächst seinen Schwerpunkt auf die Förderung von Infrastruktur? Was ist das Ziel dieses Vorhabens?

In der Aufbauphase ist es gelungen, den Generali Zukunftsfonds bundesweit als einen der umtriebigsten Unterstützer des bürgerschaftlichen Engagements, speziell der älteren Generation, zu etablieren. Unser Leitbild ist unverändert "Der demografische Wandel - unsere gemeinsame Herausforderung". Nur setzen wir das Segel ein wenig anders. Wir haben uns entschieden, unsere Förderpolitik weg von Projekt-"Leuchttürmen" hin zu nachhaltigen Infrastrukturen auszurichten - nicht selten verkümmern die vermeintlichen Leuchttürme zu Ruinen, beinhalten die Gefahr der Förderung einer Parallelstruktur oder die einer ausartenden "Projektitis". Wir haben die Erfahrung gemacht, dass modellhafte Projektförderung dem gesellschaftlichen Wandel nicht ausreichend begegnen kann. Der Generali Zukunftsfonds bewegt sich deshalb weg vom Förderer hin zum Netzwerkknoten und Infrastrukturentwickler, wenn es um Fragen des demografischen Wandels und des Engagements der älteren Generation in Deutschland geht.

Welche gesellschaftlichen Herausforderungen sehen Sie als besonders dringlich an?

Es geht um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nehmen Sie die Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinanderklafft, die vielerorts mangelnde Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und deren Abschottung, teils über ganze Stadtteile hinweg - aber auch, und das ist ja unser Thema beim Zukunftsfonds, die intergenerationelle Situation, das Argwöhnen der Jungen gegenüber den Älteren und umgekehrt. Noch immer ist das gesellschaftliche Bild der älteren Generation in Deutschland überwiegend negativ. Doch mit der Lebensrealität der 65- bis 85-Jährigen hat diese Wahrnehmung wenig bis gar nichts zu tun, wie wir mit der Ende 2012 veröffentlichten Generali Altersstudie herausgefunden haben. Mehr als die Hälfte der Altersgruppe bezeichnet sich noch nicht einmal als "alt" und fühlt sich im Durchschnitt zehn Jahre jünger, als es dem biologischen Alter entspricht. Auch setzen sich die Älteren für die Belange von Berufstätigen mit Kindern oder auch für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein. Dass die Älteren ihre gesellschaftliche Teilhabe einfordern und wahrnehmen, ist ein weiteres wichtiges Studienergebnis. Dennoch bringt der demografische Wandel, die Tatsache, dass es künftig immer mehr ältere und weniger jüngere Menschen in Deutschland geben wird, Schwierigkeiten mit sich, denen wir begegnen müssen. Das betrifft die gesamtgesellschaftliche Überlastung der Sozialsysteme ebenso wie die individuelle materielle, gesundheitliche und soziale Situation. Wir möchten mit unserem Einsatz aber betonen, dass der demografische Wandel nicht nur Risiken, sondern auch gewaltige Chancen birgt. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass so viele ältere Menschen nach Ende ihres Berufslebens Lust haben, sich freiwillig zu engagieren? Diese positiven Seiten wollen wir fördern, um dem Bedürfnis der Älteren nach Teilhabe und Zugehörigkeit gerecht zu werden. Der Generali Zukunftsfonds sieht sich dabei auch in der Rolle, als wirksamer Netzwerkknoten dazu beizutragen, bereits erfolgreich praktizierte Modelle zu sammeln, kritisch zu bewerten und mit dem Ziel weiterzugeben, daraus eine zukunftsfähige Kultur des Zusammenlebens in einer lebenswerten Gesellschaft zu entwickeln.

Wie kann man Ihrer Ansicht nach gewährleisten, dass möglichst viele Menschen die Möglichkeit haben, an gesellschaftlichen Prozessen zu partizipieren?

Prinzipiell hat in Deutschland jeder die Möglichkeit, sich freiwillig zu engagieren und an politischen oder gesellschaftlichen Willensbildungsprozessen teilzuhaben. Abhängig von der persönlichen Situation gibt es aber durchaus Hindernisse, man denke an die berufstätige, alleinerziehende Mutter, da bleiben vielleicht keine Freiräume fürs Engagement. Anders sieht es bei den vitalen, motivierten älteren Menschen aus - von denen es laut der Altersstudie in Deutschland jede Menge gibt -, die heute in den Ruhestand gehen und sich fragen, wo sie ihre Kenntnisse, ihre Expertise, ihr Wissen nun sinnvoll einsetzen können. Wir sollten uns vor Augen führen, dass das Lebensalter zwischen 65 und 85 für viele heute ein unerwartetes Geschenk darstellt. Man kann sagen, dass die Menschen sich in diesen "geschenkten" 15 bis 25 Jahren oft noch einmal neu erfinden. Viele haben außer dem Genuss der freien Zeit das Bedürfnis, ein Gleichgewicht aus Geben und Nehmen herzustellen, sozialgebundene Zeit zu spenden. Diesen Prozess zu unterstützen, darauf haben wir es mit dem Generali Zukunftsfonds abgesehen. Um grundsätzlich möglichst vielen Menschen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben, reicht es nicht, Werbung für Engagement zu machen und Anreize zu schaffen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der jeder mit seinem Beitrag erwünscht ist - unabhängig von Alter, Geschlecht, Kultur, Religion oder Status. Engagement sollte immer etwas Gemeinsames sein und niemanden ausschließen. Auch hier gilt es, der diesjährigen Schwerpunktkategorie des Engagementpreises entsprechend, Brücken zu bauen.

Warum unterstützt der Generali Zukunftsfonds den Deutschen Engagementpreis?

Der Generali Zukunftsfonds möchte mit seinem Wirken das freiwillige Engagement in Deutschland sichtbar machen und fördern. Dazu gehört auch, die Aufmerksamkeit und Anerkennung für freiwillig Engagierte zu stärken. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass Menschen sich für andere starkmachen und einen Teil ihrer Zeit, ihres Geldes oder ihres Wissens und ihre guten Ideen für gemeinnützige Zwecke einsetzen. Engagement ist eben immer noch im klassischen Sinne eine "gute Tat". Die meisten Engagierten beziehen die Bestätigung und Belohnung für ihren Einsatz direkt aus ihrem Schaffen und Wirken heraus. Dennoch freuen sie sich, wenn das wahrgenommen und geschätzt wird. Der Deutsche Engagementpreis bietet durch das Nominierungsverfahren allen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, engagierten Menschen ihren Dank auszusprechen. Eine gute Idee, finden wir - und die unterstützen wir gerne!