Standpunkt-Interview

"Engagement ist nicht nur Hobby, sondern zielgerichtet"

Prof. Dr. Annette Zimmer, Professorin für Vergleichende Politikwissenschaft und Sozialpolitik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

 

 

Annette Zimmer ist Professorin für Vergleichende Politikwissenschaft und Sozialpolitik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Gesellschafterin des Zentrums für Nonprofit-Management.

 

 

Frau Zimmer, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist das lokale Engagement in Deutschland. Warum ist dieser Bereich des freiwilligen Engagements so wichtig für unsere Gesellschaft?

Engagement ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Wir stehen aufgrund vielfältiger Entwicklungen immer stärker unter Druck. Dies gilt insbesondere für unser Arbeitsleben. Konkurrenz und Wettbewerb bestimmen unseren Tagesablauf zunehmend. In dieser Situation einer zunehmenden Ökonomisierung brauchen wir ein Refugium, einen Freiraum, der anders getaktet, wo Solidarität und nicht Konkurrenz, wo Miteinander und nicht Wettbewerb, wo Unterstützung und nicht Übervorteilung noch zählt. Wie hat sich das freiwillige Engagement der Bürgerinnen und Bürger auf lokaler Ebene in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Insgesamt hat sich das Engagement positiv entwickelt. Wir sind heute in der Summe in Deutschland aktiver und engagierter als früher. Allerdings ist das Engagement ungleich verteilt. Simple ausgedrückt, engagieren sich die Wohlhabenden zunehmend, während diejenigen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung eher überrollt werden, sich immer mehr zurückziehen. D.h. Engagement kann nur dann die Funktion einer "sicheren Bank in schwierigen Zeiten übernehmen", wenn auch diejenigen "mitgenommen" und angesprochen werden, die insgesamt gesellschaftlich eher benachteiligt sind.

Ist diese Entwicklung nur in der Bundesrepublik so zu beobachten, oder zeigen sich ähnliche Phänomene auch in anderen europäischen Ländern?

Nein, dieser Trend ist überall zu beobachten. Es zeigt sich, dass dort, wo gute Rahmenbedingungen bestehen und Staat und Verwaltung den BürgerInnen Freiräume offenhalten, wie immer noch in den skandinavischen Ländern, das Engagement am stärksten entwickelt ist. Der Freiwilligensurvey berichtet von einer konstanten, teilweise sogar steigenden Prozentzahl engagierter und zum Engagement bereiter Bürgerinnen und Bürger.

Woran liegt es, dass sich für die klassischen ehrenamtlichen Funktionen in Parteien und Vereinen auf lokaler Ebene weniger Menschen finden als früher?

Die "alten" Mitgliederorganisationen haben in den vergangenen Jahren an Attraktivität verloren. Gleichzeitig sind neue Organisationen entstanden, die nicht unbedingt mehr auf Mitgliedschaft basieren. Hier kann man sich auch engagieren, ohne die vielen Verpflichtungen eingehen zu müssen, die mit einer aktiven Mitgliedschaft in einer Partei, einer Gewerkschaft oder auch bei unseren Kirchen sowie den Vereinen verbunden sind. Wir wollen uns heute zwar engagieren, aber nicht mehr so stark einbinden lassen und auch zeitlich verpflichten. Auch wollen wir nicht mehr unbedingt Leitungsverantwortung in einer Vorstandstätigkeit übernehmen. Das ist ein großes Problem für alle Organisationen, die nicht voll professionalisiert sind, sondern stark auf freiwilliges Engagement - gerade auch auf der Leitungsebene - angewiesen sind.

Welche Möglichkeiten gibt es auf politischer oder gesellschaftlicher Ebene, wieder mehr Menschen für eine ehrenamtliche Position in einer Organisation ihres persönlichen Umfelds zu interessieren?

Ich sehe hier kaum Möglichkeiten. Bei ehrenamtlicher Vorstandstätigkeit handelt es sich um richtige Arbeit, die die Übernahme von Verantwortung umfasst und Verlässlichkeit, einen langen Atem und den Willen zur Gestaltung voraussetzt. Dies sind alles Tugenden im einem klassischen, ja altmodischen Sinn. Konkrete Arbeit wird heute nicht mehr geschätzt. Sehen Sie sich die Gehaltsunterschiede zwischen denjenigen, die arbeiten und denjenigen, die sagen, was gearbeitet werden soll - den MangagerInnen - an. Das Auseinanderdriften der Gehälter und die Höhe einiger Boni sind Indizien für eine klare Abwertung all dessen, was mit ganz normaler Arbeit, wie sie in Vorstandspositionen unentgeltlich geleistet werden muss, zu tun hat. Wir leben heute in einer Zeit, die von der Herrschaft der Berater und Beratungsagenturen gekennzeichnet ist. Auch die Verweildauer von MangerInnen in Unternehmen wird immer kürzer. Mit einem Zeithorizont von ein bis maximal 1,5 Jahren können sie auch einem Unternehmen rausholen, was rauszuholen ist, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann gehen sie wieder und bekommen eine hohe Abfindung. Auch die Beratungsfirmen gehen nur kurz rein in eine Organisationen, schlagen die üblichen Maßnahmen - Personalreduzierung, Effizienzsteigerung - vor und sind dann wieder weg, nachdem sie ein ordentliches Honorar kassiert haben. Diese neue Kultur der Organisationsführung - auf Deubel komm raus - passt so gar nicht zusammen mit dem Aufgabenprofil einer Leitungstätigkeit in einer zivilgesellschaftlichen Organisation. Wenn wir über kurz oder lang keine andere Kultur der Unternehmensführung bekommen, sehe ich ziemlich schwarz für unsere Vereine und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Diese undankbaren Jobs der ehrenamtlichen Verantwortungsübernahme will in Zeiten der organisierten Unverantwortlichkeit keiner mehr machen.

Der Deutsche Engagementpreis ehrt jährlich freiwillig engagierte Personen und Organisationen - in 2012 mit der Schwerpunktkategorie "Engagement vor Ort". Welche Rolle spielt nach Ihren Erkenntnissen die öffentliche Anerkennung bei der Aufnahme oder der Beibehaltung eines Engagements im lokalen Umfeld?

Anerkennung ist wichtig, aber auch nicht so wichtig, wie man denkt. Man engagiert sich, da er oder sie für eine bestimmte Sache, für ein bestimmtes Anliegen eintreten will. D.h. Engagement ist nicht nur Hobby und pure Freizeitbeschäftigung, sondern es ist zielgerichtet. Mann oder Frau will mit seinem oder ihrem Engagement etwas bewirken, zumindest im Kleinen. Darauf kommt es an. Dass er oder sie in der betreffenden Organisation und in dem betreffenden Umfeld ernst genommen wird, und die Resultate des Engagements gewürdigt werden, ist entscheidend und viel wichtiger als jede Sonntagsrede.