Das gute Beispiel

Prävention auf Augenhöhe

180 Grad Wende

Radikalisierung geschieht in der Regel schleichend, als Vorgang, der sich nicht plötzlich von heute auf morgen vollzieht. Diese wird vom Bundeskriminalamt definiert als die „zunehmende Hinwendung von Personen oder Gruppen zu einer extremistischen Denk- und Handlungsweise und die wachsende Bereitschaft, zur Durchsetzung ihrer Ziele illegitime Mittel, bis hin zur Anwendung von Gewalt, zu befürworten, zu unterstützen und/oder einzusetzen.“ Gründe dafür sind oftmals das Gefühl ausgeschlossen oder benachteiligt zu sein, Enttäuschungen und Verbitterungen und eine fehlende Perspektive. Radikalen Gruppierungen gelingt es, Menschen dort abzuholen, wo sie sind und ihnen einfache Lösungen anzubieten als Teil einer Gruppe mit einem gemeinsamen Ziel.

Das Erfolgsrezept heißt Peer to Peer

Hier setzt 180 Grad Wende an. „Wir kommen an die Sorgen und Probleme ran, die sonst unausgesprochen bleiben. Wir arbeiten in einem Netzwerk freiwillig engagierter Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die meist selbst der Zielgruppe entstammen“, erläutert Leiter Mimoun Berrissoun. Peer to Peer nennt sich der Ansatz auf Augenhöhe: Junge Menschen sind selbst aktiv und übernehmen Verantwortung für sich und ihr Viertel. Sie begleiten junge Erwachsene und Jugendliche in Phasen der Orientierungssuche und unterstützen sie dabei, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Dies schließt Berufsberatung und Hilfe für Geflüchtete genauso ein wie Gewaltprävention und Arbeit gegen rassistische Diskriminierung sowie religiöse Radikalisierung. Wichtig ist der helfende Ansatz, den 180 Grad Wende verfolgt: Im Projekt  sieht man von Vorverurteilungen ab und will verstehen, aus welchen Gründen Menschen bestimmte Wege einschlagen.

Zivilgesellschaftliches Engagement ist unabdingbar

Im Kampf gegen Extremismus können Politik und behördliche Stellen nicht alles alleine lösen. Daher verstehen sie sich als Bewegung, die dynamisch und unbürokratisch Hilfe leistet. Berrissoun sagt, man müsse sich auf die Mitläufer konzentrieren, da man viele mit Respekt und Empathie erreichen könne. „Für eine soziale Integration ist es wichtig, dass sich die Menschen als Teil der Gesellschaft fühlen. Dann werden sie auch nicht zu einer leichten Beute für die Radikale.“ Oftmals spiele Frustration eine große Rolle oder ein Bruch in der Biografie.  An „hochideologisierte Rattenfänger“ wie Berrissoun es nennt, sei es schwer heranzukommen, aber wenn der Fokus auf den vielen Mitläufern liege, stünden die Chancen gut. Im Team arbeiten auch Personen, die ähnliche Hintergründe haben und vergleichbare Schwierigkeiten erlebt haben. Dadurch werden sie ganz anders wahrgenommen und haben einen anderen Zugang.

Mimoun Berrissouns persönlicher Auslöser sich zu engagieren, war vor allem die Begegnungen mit jungen Leuten, die auf der Strecke geblieben sind, wie er sagt. Der studierte Sozialwissenschaftler hatte den Eindruck, dass immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund oder schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen ihr Potenzial nicht entfalten konnten, sich selbstzerstörerisch verhielten, kriminell wurden oder sich gar radikalisierten. Er traf Mitstreiter, die sich gerne schon seit langem an dieser Schnittstelle engagieren wollten, und so entstand das Projekt 180 Grad Wende. Binnen kurzer Zeit entfalteten sie eine beachtliche Aktivität und Energie und erreichten in den ersten zwei Jahren über 800 junge Menschen.

Zuspruch von Kofi Annan

Der Erfolg zeigt Wirkung und wird wertgeschätzt. Als einer von zehn internationalen jungen Leadern vertritt Mimoun Berrissoun Deutschland im Rahmen von Extremely Together der Kofi Annan Foundation. Kofi Annan persönlich habe die Arbeit von 180 Grad Wende kennengelernt und ihn ermutigt, weiterzumachen. „Das ist ein schönes Signal. Ich möchte gerne andere inspirieren.“ Auch der Gewinn des Deutscher Engagementpreises 2018 habe sehr viel Auftrieb und Motivation gegeben, ihre Arbeit bestätigt und für mehr Aufmerksamkeit gesorgt.

Schwierig sei es, wenn ihre Arbeit zwar als wertvoll angesehen werde, es aber gleichzeitig ein finanzieller Kampf sei, das Büro halten zu können. „Das kann schon auch demotivierend sein, aber man verlässt das Projekt nicht einfach so. Eine bessere Finanzierung würde uns aber auf alle Fälle sehr helfen.“ Und sie erleben auch Anfeindungen. „Ich kann nur dazu motivieren, sich ein Netzwerk aufzubauen, denn man braucht schon eine dicke Haut. Aber extreme Menschen haben scheinbar auch eine dicke Haut – warum sollen Engagierte das nicht auch haben, besonders wenn sie für das Gute eintreten. Kritik von der richtigen Seite ist auch eine schöne Form von Lob.“

Über 180 Grad Wende

Bereits der Projektname verrät, was die Beteiligten von 180 Grad Wende mit ihrem Engagement bewirken wollen. Ziel ist es, zu einer fundamentalen Wende in den Biografien junger benachteiligter Menschen mit Diskriminierungserfahrung beizutragen. Das Projekt wurde vom Jugendbildungs- und Sozialwerk Goethe e. V. in Köln initiiert und setzt sich seit 2012 präventiv gegen Radikalisierung, Kriminalität, Extremismus und Perspektivlosigkeit ein. Das Besondere dabei ist ein großes ehrenamtliches Netzwerk aus Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die meist selbst der Zielgruppe entstammen. Gefördert wird 180 Grad Wende vom Bundesfamilienministerium und dem Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.

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