Das gute Beispiel

Corona-StrassenHILFE

Interview mit Nikolas Migut, Gründer und 1. Vorsitzender StrassenBLUES e.V.

Von der Corona-Pandemie sind obdachlose Menschen besonders betroffen: Zum Start des Lockdowns sammelten Nikolas Migut und sein Verein „StrassenBLUES e.V.“ mit Crowdfunding innerhalb weniger Stunden Geld, um Soforthilfe zu leisten, Suppen zu verteilen und obdachlose Menschen in angemieteten Unterkünften unterzubringen. Im Interview erzählt Migut, was ihn antreibt, welche Auswirkungen Corona auf das Engagement hat, und wie er „Social Storytelling“ nutzt, um für sein Anliegen zu mobilisieren.

Straßenblues ist für sein Engagement wiederholt ausgezeichnet worden und jetzt nominiert für den Deutschen Engagementpreis. Was bedeutet Ihnen das?

Es tut sicherlich gut, eine Bestätigung von einer Jury zu bekommen, dass wir mit unserem Wirken auf dem richtigen Weg sind. Tatsächlich öffnen solche Preise Türen: Manchmal durch die Jurymitglieder oder den ebenfalls Nominierten selbst. Manchmal kommen aber auch durch die Berichterstattung über die Auszeichnung Menschen auf uns zu, die einfach anpacken und helfen wollen. Daher sehe ich Auszeichnungen auch immer als Chance für unseren Verein.

Sie engagieren sich seit mehreren Jahren im Bereich der Obdachlosenhilfe. Wie kam es dazu, was war der Auslöser?

Der Wendepunkt in meinem Leben, der mich zum Engagierten werden ließ, war die Begegnung mit Alex im Jahr 2012. Damals drehte ich für den Norddeutschen Rundfunk eine Reportage über obdachlose Menschen, die zur Berliner Bahnhofsmission am Zoo gingen, um Hilfe zu empfangen. Da war ich nun in einer kalten Septembernacht und Alex kam an die Tür, wollte eigentlich nur ein Brötchen und einen Kaffee. Aber als er so direkt in meine Kamera blickte mit seinen leuchtend-melancholischen Augen und von seinem Leben der vergangenen acht Jahre auf der Straße erzählte, musste ich einfach den Drehort verlassen und mit ihm mitgehen. Eine Nacht folgte ich ihm filmisch durch Berlin, frühstückte noch mit ihm, und dann entschwand er zu den Gleisen des Bahnhofs. Ich konnte ihm dorthin nicht folgen, da ich keine Drehgenehmigung hatte. Danach suchte ich ihn zweieinhalb Jahre lang, und fand ihn schließlich in Neumünster, Schleswig-Holstein. Nach zehn Jahren auf der Straße war Alex in einer Sozialwohnung untergekommen. Er wollte, dass ich zu meinem Besuch meine Filmkamera mitbringe. Daraus entstand die Kurz-Doku „Straßenblues“. Dabei zeigte er mir in seiner Sozialwohnung etwa hundert Gedichte, die er an die Wände geklebt hatte und rezitierte daraus. Sein großer Wunsch war es, dass diese Gedichte einmal veröffentlicht werden. 2018 hatte ich es geschafft, seine Gedichte, die er während seiner Zeit auf der Straße geschrieben hatte, in dem StrassenBUCH zu publizieren. Die Buch-Premiere war in der Hamburger St. Pauli Kirche beim „N Klub“ vor 170 Gästen, und Alex durfte zu ihnen reden und erstmalig Autogramme schreiben. Das Gefühl dieser Wertschätzung dauert bei ihm bis heute an.

Was motiviert Sie persönlich, sich zu engagieren?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nur einmal leben. Und daher möchte ich etwas Sinnvolles mit diesem einen Leben anfangen. Ich selbst hatte bereits viele Höhen und Tiefen in meinem Leben. Da ich noch gesund bin, die Liebe meiner eigenen Familie da ist, kann und will ich für meine Mitmenschen positiv wirken. Was gibt es Schöneres, einem Menschen ein Obdach geschenkt oder diesen möglicherweise durch eine persönliche Aktion das Leben gerettet zu haben?

Die Corona-StrassenHILFE war in der Pandemie schnell zur Stelle. Wie haben Sie es geschafft, so schnell viele Menschen für Ihr Anliegen zu mobilisieren? Was funktioniert dabei besonders gut?

Wir sind professionelle Storyteller, also Geschichtenerzähler – unter anderem vom Norddeutschen Rundfunk und dem SPIEGEL, die mit ihren Fähigkeiten einfach machen, und Menschen erreichen und aktivieren. Also starteten wir die Corona-StrassenHILFE zunächst mit der StrassenSPENDE und haben 20-Euro-Geld- und Gutscheine direkt an die Notleidenden deutschlandweit verteilt, haben mit der StrassenSUPPE 100 Mahlzeiten pro Tag ausgegeben sowie Mund-Nasen-Schutz-Masken verteilt und schließlich knapp 70 obdachlose Menschen dank unserer Aktion „Hotels for Homeless“ geschützt in einem Hostel und einer Jugendherberge in Hamburg untergebracht. Durch unser dazu begleitendes „Social Storytelling“ haben wir die Zivilgesellschaft bewegt und aktiviert. Aber auch die klassischen Medien waren dabei sehr hilfreich, nahmen unsere Aktionen auf, und durch die Berichterstattung konnten wir weitere potenziell engagierte Bürger erreichen.

Von der Corona-Pandemie sind Menschen auf der Straße besonders betroffen. Aber auch für Menschen, die sich engagieren, hat sie Auswirkungen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir mussten damals im März 2020 einfach schnell und unbürokratisch helfen, da aufgrund der Corona-Pandemie über Wochen die Obdachloseneinrichtungen geschlossen hatten und die Menschen auf der Straße wirklich litten: Keine Essensausgaben, kein Schutz in Form von Masken und Desinfektionsmitteln und keine Möglichkeit des Bettelns. Wir haben gehandelt, und zwar schnell und unbürokratisch. Bei all dem bewirkt unser Verein nicht nur Veränderungen bei obdachlosen Menschen, sondern auch bei den mitwirkenden Ehrenamtlichen selbst. Wir haben 50 Ehrenamtliche, die sich für StrassenBLUES e.V. engagieren. Durch unsere Kampagnen während der Corona-StrassenHILFE haben sich in etwa 30 neue Ehrenamtliche bei uns gemeldet. Aber wir hatten auch einige im Team, die selbst wirtschaftlich ums Überleben kämpfen mussten und viele, die psychisch durch die Lockdowns litten. Ich habe in der Zeit viele virtuelle Gespräche geführt und auch persönliche, als dies wieder ging. Wir sind immer noch dabei, wieder ein geregeltes, persönliches Vereinsleben zu reaktivieren und hoffen, dass das auch bald wieder regelmäßig möglich sein wird. Das ist so wichtig.

Housing First soll als Modellprojekt in Hamburg starten. Wie ist der Stand der Dinge?

Es ist schön zu sehen, dass da einiges in Bewegung kommt. Sicherlich auch dank des politischen Drucks sowie des Drucks aus der Zivilgesellschaft. Die Hamburger Regierung will nun ein Modellprojekt für 30 Haushalte ab Januar 2022 starten. Dank der Corona-StrassenHILFE kamen wir in Kontakt zu den Regierungsparteien SPD und GRÜNE in Hamburg. Ein Ergebnis davon: Direkte Gespräche mit deren Sozialsprecher:innen und konstruktive Diskussionen zur Einführung von „Housing First“ in Hamburg. Hier werden wir weiter im Austausch bleiben, aber auch selbst aktiv werden mit unserem aktuellen Projekt „Homes for Homeless“, um selbst Wohnungen für obdachlose Menschen anzumieten und auch zu kaufen. Es ist gut, wenn mehrere Akteure in Hamburg hier nach dem Prinzip Housing First aktiv werden. Schließlich haben wir etwa 2.000 obdachlose und gut 5.000 wohnungslose Menschen in Hamburg. Da gibt es noch viel zu tun.

Wer sich engagiert, stößt immer mal wieder auch auf Widerstände und Rückschläge. Wie gehen Sie mit Schwierigkeiten um?

Natürlich geht nicht immer alles glatt. Es gibt so einen Spruch: „Wer nicht scheitert, hat einfach nicht groß genug gedacht.“ Wir gehen immer wieder Neues an, und daher klappt manches auch nicht. Mal sind es Projekte, mal Partner, mal die Politik. Aber wir wissen, dass wir für ein höheres, sinnvolles Ziel – unsere Mitmenschen in Not –  kämpfen und diese klare Vorstellung, warum ich das tue, lässt mich jeden Tag aufs Neue gerne aufstehen und diese Ideen praktisch umsetzen.

Was war der bislang schönste Moment in Ihrem Engagement?

Als meine damals fünfjährige Tochter Maja einen obdachlosen Menschen neben einem Bäcker gesehen hat und zu mir meinte, ob wir ihn nicht einen Kuchen kaufen könnten. Haben wir getan. Er hat sich sehr gefreut, als sie ihm den Kuchen überreicht hat. Maja ist jetzt sieben Jahre alt und erinnert sich immer noch an diesen Moment.

Wenn Sie einen Wunsch frei haben, was würde Ihnen am meisten helfen in Ihrem Engagement? Was gibt Ihnen Rückenwind?

Wenn andere NGOs unsere Projekte adaptieren und in ihrer Region umsetzen. Das ist gerade in jüngster Vergangenheit passiert mit „Hotels for Homeless“ in Köln, dem StrassenGEBURTSTAG in Hannover und mit der StrassenWAHL in Berlin. Das gibt mir großen Rückenwind, dass es da draußen noch weitere engagierte Menschen gibt, mit denen wir gemeinsam ganz viel für obdachlose Menschen erreichen können.

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Interview: Markus Winkler, Pressereferent Deutscher Engagementpreis