Das gute Beispiel

Frankfurter Demokratiekonvent

Interview mit Dominik Herold, Mitgründer von mehr als wählen e. V.

Kein Netzwerk, keine Ehrenamtlichen, keine Gelder – nur eine Vision, so beschreibt Dominik Herold, Mitgründer des Vereins „mehr als wählen“, die Geburtsstunde des Frankfurter Demokratiekonvents. Im Interview erzählt er, warum er sich für das Recht auf politische Mitgestaltung stark macht und warum es sich lohnt, Politik und Stiftungen so lange zu nerven, bis sie zuhören.

Wie kam es zu dem Projekt? Was war der Auslöser?

Ende 2016 kamen wir für unser Masterstudium neu nach Frankfurt/Main. Wir waren vorher alle schon irgendwo aktiv, z.B. in der Geflüchtetenhilfe oder der politischen Bildungs-, Kinder- oder Jugendarbeit.  In einer Phase, in der die AfD immer mehr an Zuwachs gewann und sich weltweit vermehrt regressive Entwicklungen abzeichneten, wollten wir den kommunalpolitischen Raum stärken. Wir, das waren vier Freund*innen, die zeigen wollten: Demokratie kann mehr sein als nur alle fünf Jahre ein Kreuz zu setzen. Uns war wichtig, dass mehr Stimmen gehört werden als die üblichen, und wir wollten Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die im Alltag kaum mehr Berührungspunkte haben. Also haben wir uns gefragt, ob so etwas wie die irischen citizen assemblies in leicht veränderter Form  hier in Frankfurt klappen können. Also: 60 zufällig ausgewählte Menschen: 2/3 zufällig ausgelost, 1/3 Menschen, die unterrepräsentiert sind. Und dann haben wir einfach losgelegt mit dem Ziel, die politische Beteiligungskultur in Frankfurt und Deutschland zu verändern.

Was bewegt Sie persönlich, sich zu engagieren?

Ich komme aus einem sogenannten bildungsfernen Haushalt. Arbeiterfamilie. Politische Mitgestaltung wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Dass ich mitbestimmen darf und relevanter Teil der Gesellschaft bin, war für mich ein – nicht immer ganz leichter – Erkenntnisprozess. Aus diesem Gefühl speist sich mein Engagement: Ich möchte Menschen zeigen, dass sie ein Recht auf Mitgestaltung haben. Neben vielen „Wirksamkeitsmomenten“ aus der Praxis sind es vor allem die Bücher von Annie Ernaux, Didier Eribon oder Michel Foucault, die mir gezeigt haben, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Darum geht es mir ganz konkret: Erfahrungen zu ermöglichen, die zeigen, dass die Welt, in der wir leben, von uns geschaffen wurde – und auch von uns verändert werden kann.

Wer sich engagiert, stößt auch auf Widerstände. Gab es mal den Moment, wo Sie aufgeben wollten?

Ja, ehrlich gesagt ständig. Will man ernsthaft etwas bewegen, dann ist das kritische Infragestellen der eigenen Praxis wohl an der Tagesordnung. Man muss immer bedenken, wo man sich selbst befindet als zivilgesellschaftlicher Akteur. Wo vielleicht die eigenen blinden Flecken sind, wo man ungewollt selbst Ausschluss von anderen erzeugt. Das ist ein Lernprozess, der nie abgeschlossen ist. Da hilft nur ein wacher Geist und ehrliche, offene Kommunikation.

Gleichzeitig gab es natürlich Startschwierigkeiten, die leider normal sind: Wenn man einen Verein in einer neuen Stadt aufbaut, dann fängt man buchstäblich bei Null an. Kein Netzwerk, keine Ehrenamtlichen, keine Gelder – nur eine Vision. Und mit der geht man dann werben – nicht nur beim Arzt. Sondern quer durch die Stadt. Vor allem junge Menschen erfahren dabei oft Skepsis und Ablehnung. Das ist schade, weil so viel Tatendrang und gute Ideen verloren gehen. Wir haben die Politik und die Stiftungen einfach so lange genervt, bis sie uns zugehört haben. Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Und viele Kompliz*innen für die gemeinsame Sache sind wichtig.

Durch die Corona-Pandemie ändert sich vieles für uns alle – im Job, in der Freizeit und im ganzen öffentlichen Leben. Was sind Ihre Erfahrungen? Welche Auswirkungen hat es für Ihr Engagement, und wie gehen Sie damit um?

Die Coronakrise hat sich natürlich auch auf unsere Formate und Teamstrukturen ausgewirkt. Da wir vor allem diejenigen ansprechen, die im Diskurs unterrepräsentiert sind, halten wir das reale räumliche Zusammenkommen von Menschen für unerlässlich. Einen Demokratiekonvent digital abzuhalten, war für uns keine Option. Da geht es um echte Begegnungen und Erfahrungen, gemeinsames Handeln und eine konkrete Verkörperung von Menschen. Das lässt sich durch Videodienste nicht einfangen.

Eine solche Krise zeigt erneut in aller Härte auf, dass wir (mehr) Räume für Beteiligung brauchen – auch und vor allem im Krisenmodus. Um die geht es uns bei „mehr als wählen“. Deswegen haben wir mit dem DemokratieWagen - einem ausrangierten Nahverkehrsgelenkbus – einen  mobilen Erfahrungsraum für Demokratie ins Leben gerufen. Die Idee dahinter: Der Bus bricht mit der herkömmlichen Vorstellung, dass Demokratie nur an ausgewählten und "altehrwürdigen" Orten stattfinden kann. Mit dem DemokratieWagen zeigen wir: Demokratie passiert überall. Egal wo man sich befindet, spricht oder handelt.

Was war der bislang schönste Moment in Ihrem Engagement?

Es sind viele, verschiedene, eher kleine Momente, die mir in den Kopf kommen. Vor allem der Alltag macht das Engagement zu dem, was es ist. Die gemeinsame Arbeit im Team, Gespräche mit unterschiedlichen Menschen, stundenlange Sitzungen, in denen man sich zusammen den Kopf zerbricht, der vereinte Kampf für eine bessere Gesellschaft. Wenn ich aber einen „großen Moment“ nennen soll, dann sicherlich der Augenblick, als beim Demokratiekonvent 2019 alle Teilnehmenden erstmalig zusammenkamen. Darauf hatten wir zwei Jahre lang hingearbeitet, und am Ende weiß man nie: Klappt das eigentlich? Kommen die Leute? Was machen wir, wenn die Hälfte abspringt? Und dann sieht man dutzende von Leuten mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen für die Demokratie streiten. Das ist ein schönes Gefühl. Da habe ich zum ersten Mal meine Idee von 2017 „verwirklicht“ gesehen und gemerkt: Ja, das klappt.

Ihr Projekt ist für sein Engagement ausgezeichnet worden und jetzt nominiert für den Deutschen Engagementpreis. Was bedeutet Ihnen das?

Dass mehr als wählen e.V. ausgezeichnet wird, bestärkt die eigene Arbeit und ist ein schönes Zeichen für das ganze Team: dass das, was wir seit mehr als drei Jahren machen, auch überregional Anerkennung findet. Eine solche Preisverleihung bietet darüber hinaus eine Chance zum Innehalten, um zu reflektieren, was sich seit 2017 entwickelt hat. Durch das alltägliche Ehrenamt vergisst man irgendwann, dass wir vor gar nicht allzu langer Zeit komplett bei Null angefangen haben und wie sehr der Verein innerhalb von drei Jahren gewachsen ist. Kurzum: Die beiden Preise haben uns einmal mehr gezeigt, dass es sich lohnt weiterzumachen – mit mindestens genauso viel Leidenschaft und Veränderungsdrang.

Wenn Sie einen Wunsch freihaben, was würde Ihnen am meisten helfen in Ihrem Engagement? Was gibt Ihnen Rückenwind?

Am meisten würde uns helfen, viele Nachahmer*innen zu finden. Leute, die sagen: „Cool, was ihr gemacht habt – ich versuch’s auch!“ Ob dann mit einem ausgelosten Bürger*innenrat wie dem Demokratiekonvent oder anderen Projekten, die sich für Mitbestimmung einsetzen, ist zweitrangig. Konkret geht es doch darum, Menschen dafür zu begeistern, sich einzubringen, sich zusammenzuschließen und gemeinsam die noch immer zahlreichen Aufgaben – auch in Deutschland – anzugehen. Wenn man so wie wir Demokratie als Lebensform versteht, dann heißt sie genau das. Dass sie mehr ist als nur zu wählen, sondern die Art und Weise zu fragen, wie wir in unserer Verschiedenheit eigentlich zusammenleben möchten. Dafür braucht es viele mutige (junge) Menschen, die sich einsetzen. Für Demokratie, für Beteiligung, für Mehr-Mitbestimmung und gegen Sexismus, Rassismus und  Antisemitismus.

www.mehralswaehlen.de

www.demokratiekonvent.de