Gastbeitrag

Initiative gegen Hasskommentare

Gastbeitrag von Alex Urban, Leiter der Facebook-Gruppe #ichbinhier

#ichbinhier ist die größte deutsche Initiative, die dem Hass im Netz entgegentritt: eine „Counter-Speech-Initiative“. Ihr Ziel ist es, zu einer besseren Debattenkultur im Netz beizutragen und zivilgesellschaftlich Stellung für die Demokratie zu nehmen. Im Gastbeitrag erläutert Alex Urban, warum wir ein „digitales Streetworking“ brauchen, und wie die Engagierten trotz Hass und Beleidigungen motiviert bleiben.

Unsere Facebook-Gruppe #ichbinhier wurde im Dezember 2016 von Hannes Ley mit dem Ziel gegründet, die Diskussionskultur auf Facebook zu verbessern. Ley hatte, wie viele andere Facebook-Nutzer*innen auch, im Jahre 2016 eine immer gereiztere Stimmung in der (Online-)Gesellschaft beobachtet, die in besonderem Maße in den Kommentarspalten der sozialen Medien zum Ausdruck kam.

Bis heute reichen die Kommentare auf Facebook beinahe unverändert von der Herabwürdigung, Ausgrenzung und Anfeindung bis zur Befürwortung von Gewalt gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen. Wer versucht, etwas Sachlichkeit beizutragen, wird recht schnell beleidigt, verschreckt oder gar bedroht.

Hohe Motivation und gegenseitige Unterstützung

Das gesamte Engagement der Facebook-Gruppe #ichbinhier basiert auf Ehrenamtlichkeit, sowohl, was die Gruppenmitglieder angeht, die sich Tag für Tag in dem sehr toxischen Umfeld der Kommentarspalten auseinandersetzen und dort Beleidigungen und Schlimmeren aussetzen müssen, als auch die Tätigkeit des Moderator*innen-Teams (ca. 20 Personen), das sich um die Organisation und das Community-Management kümmert.

Im September 2017 haben wir den Verein ichbinhier e.V. gegründet und unser Bildungsprojekt initiiert, mit dem wir die Kommentarspalten-Situation in Schulklassen und/oder schulübergreifend mittels Tablets und Rollenverteilung simulieren. Im Zuge der Corona-Krise wurde das Konzept an die Situation angepasst, sodass wir unsere Workshops mit großem Erfolg in Zoom-Seminaren anbieten. Die Nominierung und der Gewinn des Deutschen Engagementpreises 2019 war für uns als Team, aber vor allem für unsere online-Community ein Höhepunkt unserer bisherigen Tätigkeit. Die Auszeichnung richtet sich nur oberflächlich an das Moderator*innen-Team hinter den Kulissen. Über alle Maße wird mit dem Preis das ehrenamtliche digitale Engagement unser vielen Mitglieder gewürdigt.

Unsere tolle Community zeichnet sich durch eine hohe persönliche, intrinsische Motivation aus. Dadurch konnte es uns gelingen, dass uns die Mitglieder seit fast vier Jahren trotz des toxischen Umfeldes die Treue halten. Es geht gerade in den Kommentarspalten, in denen nun fast alle Scham verloren gegangen ist, um gegenseitige Unterstützung, ohne die man ansonsten schnell Motivation und Lust verliert, sich weiter an Diskursen zu beteiligen.

„Die Grenze des Sagbaren wurde Stück für Stück verschoben“

Es ist seit Jahren zu beobachten, dass menschenfeindliche und rechtsextreme Narrative in die breite Öffentlichkeit transportiert werden, weil die entsprechenden Korrektive und Regulative fehlen. Die Grenze des Sagbaren wurde Stück für Stück verschoben. Die Sprache ist giftiger, provokanter und zynischer geworden. Die Accounts bzw. die dahinterstehenden Menschen werden hemmungsloser.

Das digitale Ehrenamt in dieser Form (aber auch im Allgemeinen) wird derzeit unterschätzt und zu wenig gewürdigt. Das erste, was einem wohl entgegenschlägt, ist: „Warum machst du das überhaupt? Lass doch diese Trolle und Wütenden einfach reden. Ist doch nur Internet.“

Aus unserer Sicht ist das genau der falsche Weg und fördert eher die Vergiftung unserer Gesellschaft. Vor allem aber verjagt eine kleine und laute Minderheit diejenigen, die sich sachlich am Diskurs beteiligen wollen. Und Diskurs ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Damit sich Ehrenamtler nicht alleine diesem toxischen Umfeld aussetzen müssen, appellieren wir seit Jahren an die Medien, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und ihre Beiträge zu moderieren. Respektvolle Moderation fördert eine respektvolle Anschlussdiskussion.

Auch die Online-Welt braucht freiwilliges Engagement

Dabei geht es nicht um das Löschen, sondern vielmehr um eine Begleitung der Diskussion: Zum Thema zurückführen, wenn notwendig, Lügen und Desinformationen kennzeichnen, Beleidigungen mahnen und gegebenenfalls dann auch löschen und natürlich sachliche Kommentare unterstützen.

Das Internet bzw. die sozialen Netzwerke sind genauso eine Öffentlichkeit wie die Offline-Welt. Wenn wir also in der Offline-Welt Ehrenamt benötigen, dann auch in der Online-Welt. Wir brauchen Freiwillige, die digitales Streetworking machen und damit Menschen vor einer Radikalisierung bewahren oder die Erwachsenen und Jugendlichen den Umgang mit Falschinformationen und Quellenarbeit näherbringen.

Das Internet bietet uns so viel Wissen wie nie zuvor. Was uns als Gesellschaft aber derzeit wohl am meisten gefährdet, ist der schleichende Übergang von Lüge und Wahrheit und die damit einhergehende Polarisierung.

www.ichbinhier.eu

@ichbinhier