Interview

"Reichtum ist, wenn Du Gemeinschaft leben kannst."

Interview mit Dieter Puhl

Leiter der Stabsstelle "Christliche und gesellschaftliche Verantwortung" bei der Stadtmission Berlin und ehemaliger Leiter der Bahnhofsmission
 

COVID-19 verändert die Arbeit von freiwillig engagierten Menschen. Im Interview erzählt Dieter Puhl von den Auswirkungen der Pandemie bei der Berliner Stadtmission, dem Bedürfnis der Menschen nach Austausch und Nähe, und wieso er auf nachbarschaftliche Verbundenheit setzt.
 

Sie haben lange die Bahnhofsmission geleitet und kennen die Sorgen und Nöte obdachloser Menschen. Aktuell widmen Sie sich insbesondere dem Thema „Einsamkeit“, das durch die Corona-Pandemie für viele Menschen zu einer immer größeren Belastung geworden ist. Was sind Ihre Beobachtungen?

Besonders betroffen sind natürlich erst einmal die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Wer auf der Straße sitzt, hat sowieso wenige Möglichkeiten, tagsüber mal im Warmen Unterschlupf zu finden. Hinzu kommt, dass man auf der Straße meist alleine ist. Da gibt es eine große Sehnsucht nach Normalität. In unseren Einrichtungen genießen es die Menschen, Berührung zu einer vermeintlichen oder gewissen Normalität zu haben. Diese Begegnungen finden jetzt deutlich weniger statt. Es kam auch vor, dass man sich mal in den Arm genommen hat, wenn man die Menschen gut kennt, und ein Gespräch tiefer war. Das ist jetzt anders, Berührungen sind nicht mehr möglich. Auch für die Ehrenamtlichen hat es Auswirkungen. Viele haben sich nach der gemeinsamen freiwilligen Tätigkeit an Weihnachten noch zusammen hingesetzt. Ehrenamt hat etwas Gemeinschaftliches und auch dazu beigetragen, der eigenen Einsamkeit entgegenzuwirken.


In der Krise zeigt sich eine große Hilfsbereitschaft - viele Menschen wollen mit anpacken. Was sind die besonderen Herausforderungen für ehrenamtliches Engagement in Corona-Zeiten?

Was die Ehrenamtlichen angeht, mussten wir rasch die Entscheidung treffen, wie wir sie ebenfalls schützen können. Sehr schnell wurde klar, dass wir auf die Hilfe und Unterstützung verzichten mussten, da viele Ehrenamtliche ältere Menschen sind, die zur Risikogruppe gehören. Da möchte man nicht in der Verantwortung stehen, dass sie sich in unserer Einrichtung anstecken können. Auf der Vernunftebene hat das jeder sofort verstanden, auf der anderen Seite war es ein sehr schmerzlicher Prozess, weil die Menschen gerne zu uns kommen. Viele Ältere haben also zunächst aufgehört, und gleichzeitig meldeten sich sehr bald viele junge Menschen, zum Beispiel Studierende, die nicht zur Uni gehen konnten. Jetzt mischt es sich, einige der Älteren sind zurückgekommen, andere warten ab. Im Moment hat uns COVID-19 dennoch fest im Griff.


Was sind das für Menschen, die mithelfen, und was sollte man mitbringen?

In erster Linie Respekt vor und Liebe zu anderen Menschen. Ich denke, eine gewisse Lebensfreude ist auch wichtig, also Freude an anderen Menschen und Lust, gemeinsam im Team die Ärmel hochzukrempeln. Das ist schon Mannschaftssport bei der Stadtmission. Ich glaube aber vor allem, dass wer zu uns kommt, auch ganz viel Lebensfreude gewinnt. Wenn 70-jährige Damen vorbeikommen und zwei große Taschen mit Herrenbekleidung vorbeibringen, dann muss man nicht lange überlegen, um zu wissen, dass es die Bekleidung des verstorbenen Ehemanns ist. Es gehört dann für mich dazu, die Menschen hereinzubitten, einen Kaffee anzubieten und sich Zeit für die Menschen zu nehmen. Eine Bekleidungsübergabe kann dann auch zu einem seelsorgerischen Gespräch werden. Mein Tipp war dann manchmal 'Gehen Sie nach nebenan, ziehen Sie sich die blaue Weste an und arbeiten Sie heute Nachmittag mit'. Oft folgte erst mal großes Erstaunen, doch wer das gemacht hatte, kam abends zu mir und sagte 'ich bin hier schweren Herzens hergekommen, es fiel mir schwer, die Bekleidung meines Mannes abzugeben, es war traurig und ich hätte nicht gedacht, in der jetzigen Lebenssituation wieder Lachen zu können. Kann ich übermorgen wiederkommen?'


Eine klassische Win-Win-Situation. Wie kann man mehr Menschen für freiwilliges Engagement begeistern?

Beim Thema Obdachlosenhilfe trifft man oft auf Vorurteile. Uns hat geholfen, wenn es im Fernsehen eine gute Dokumentation gab, oder ein informativer Artikel erschienen ist. Wir haben es dann in den folgenden Tagen direkt gemerkt, dass mehr Menschen Interesse an freiwilliger Arbeit hatten. Am stolzesten bin ich auf eine Doppelseite in der Bravo zwischen Dr. Sommer und Akne-Creme, das war eine Fotostory, die die Arbeit von jungen Praktikanten mit unseren Gästen gezeigt hat. Das hat in allen Bahnhofsmissionen Deutschlands einen Run auf Praktikumsstellen und ehrenamtliche Mithilfe ausgelöst. Oft sind es aber auch Zufälligkeiten. So wie die älteren Damen, die wie geschildert ursprünglich ja nur Bekleidung abgeben und nicht mitarbeiten wollten. Am Anfang hat es oft etwas mit Schwellenangst zu tun. Diese erste kleine Schwelle muss überwunden werden, dann fängst du an zu glühen, und bringst dich ein.


Für viele Menschen steigt im Lockdown die seelische Belastung an. Was hilft?

Menschen sind sehr unterschiedlich ausgerüstet mit Geduld und Belastbarkeitsgrenzen. Wer einen Hang zu Schwermut hat, dem geht es in dieser Zeit nicht gut. Zum Glück haben wir sozialpsychiatrische Dienste, Krisentelefone und Beratungsstellen. Aber wir können nicht alles delegieren. Daher setze ich sehr auf nachbarschaftliche Verbundenheit. Das Interesse aneinander ist entscheidend, sich zu überlegen, wie es meinen nächsten Menschen geht. Warum stehen Menschen denn wie irre vor den Glühweinständen? Der schmeckt meistens furchtbar, aber die Leute sind fast verzweifelt auf der Suche nach ein paar Minuten miteinander Plaudern. Wir merken, dass das Bedürfnis nach Gesprächen, nach Austausch, Verbindlichkeit und Nähe ungebrochen groß ist.


Man war in den letzten Monaten gezwungen, Dinge anders zu machen. Was sind die positiven Dinge, die Sie mitnehmen?

Ich glaube, die Lust an der Gemeinschaft ist gewachsen, und auch die Wertschätzung füreinander. Manchmal gehen wir miteinander überdrüssig um, und ich glaube, uns wird bewusster, dass wir einander brauchen. Wir sind soziale Wesen. Reichtum ist, wenn Du Gemeinschaft leben kannst, von daher fühlen wir uns gerade alle ein bisschen arm, aber ich bin optimistisch, dass wir dieses Jammertal durchschreiten werden. Und auf diese Party danach freuen sich glaube ich gerade sehr viele Leute, da wird die Welt drei Tage wackeln.


Sie machen Lobbyarbeit dafür, dass Themen wie Einsamkeit, Armut und Obdachlosigkeit mehr Beachtung finden. Was müsste hier aus Ihrer Sicht geschehen?

Ich würde mir für Berlin einen Einsamkeitsbeauftragten wünschen. Vieles verläuft auf ehrenamtlicher Basis, die sehr gut ist, aber oftmals fehlt es auch an Geld, um bestimmte Strukturen und Initiativen zu stärken. Viele Strukturen des Miteinanders in Deutschland wurden abgebaut, Kirche und klassische Vorstellungen von Familie hinterfragt, das Vereinsleben ist rückläufig, ebenso die Mitgliederzahlen in Parteien, Gewerkschaften und anderen Institutionen. Vieles davon war richtig und notwendig, da enge Strukturen einem auch die Luft zum Atmen nehmen können. Aber es war auch mit gemeinsamem Leben verbunden, und es ist parallel nichts dazugewachsen. Wir müssen ein Stück aufpassen, dass wir nicht irgendwann im Vakuum landen. Was zugenommen hat, ist die Kommunikation im Internet, aber die ist oft oberflächlich und schnelllebig. Ich glaube, dass Politik auch an dieser Stelle gefordert ist mit Visionen. Es geht um die Frage, wie wir zusammen leben wollen, und nicht darum, wie viel wir zusammen verdienen wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!
 

Über Dieter Puhl

Leiter der Stabsstelle "Christliche und gesellschaftliche Verantwortung" bei der Stadtmission Berlin und ehemaliger Leiter der Bahnhofsmission


Interview: Markus Winkler, Pressereferent Deutscher Engagementpreis