Interview

„Niemand sagt, dass Inklusion einfach und umsonst zu haben ist“

Interview mit Raúl Krauthausen

Sie sind Autor, Moderator, Medienmacher, Botschafter und Inklusionsaktivist. Wie kam es dazu, sich zu engagieren?

Ich hatte jahrelang in der Medien- und Werbebranche gearbeitet und irgendwann das Gefühl, ich könnte mich mal mit dem Thema Menschen mit Behinderung auseinandersetzen. Ich habe geschaut, was es an bestehenden Angeboten gibt und fühlte mich davon jedoch nicht angesprochen. Die Kommunikation bestehender Organisationen wirkte auf mich sehr paternalistisch und charity-bezogen. So kamen wir dann auf die Idee, die Sozialhelden zu gründen. Wir wollten Angebote schaffen, die wir als Betroffene selber gerne nutzen würden.

Sie haben den Verein Sozialhelden mitgegründet, der 2009 mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet wurde. Was war und ist Ihr Ziel?

Wir möchten das Thema Menschen mit Behinderung in den Mainstream tragen. Ganz praktisch heißt das, dass wir Menschen, Institutionen und Unternehmen dafür sensibilisieren möchten, Produkte und Dienstleistungen auch für Menschen mit Behinderung als Zielgruppe mitzudenken. Manchmal muss man nur an kleinen Stellschrauben drehen, um diese für Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen.

Inwieweit hat der Gewinn des Deutschen Engagementpreis Ihrer Arbeit und Ihrem Engagement Auftrieb gegeben?

Mit dem Startkapital konnten wir den Grundstein für unsere Wheelmap legen, das ist unsere Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte. Wettbewerbe sind neben dem Preisgeld und der Wertschätzung auch sehr hilfreich, um sich zu vernetzen oder Partner kennenzulernen, die ähnliches vorhaben. Und natürlich hilft die mediale Berichterstattung, um wahrgenommen zu werden. Alles zusammen war das ein wichtiger Mix, um die Sozialhelden auf eine Basis zu bringen, die nachhaltig ist.

Der Umgang mit Behinderung in Gesellschaft und Medien ist oftmals klischeehaft. Gleichzeitig gibt es viele Hemmschwellen und Unsicherheiten. Was würde helfen?

Sichtbarkeit! Wichtig ist es, Menschen mit Behinderung für sich selbst sprechen zu lassen, ihnen zuzuhören und ihnen Bühnen zu geben. Momentan ist es eher so, dass über sie gesprochen wird. Selbst auf Inklusionsveranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass auf der Bühne oftmals ausschließlich nichtbehinderte Menschen über Behinderung sprechen. Das ist so, als ob wir auf einer Frauenkonferenz wären, auf der nur Männer sprechen. Solange Menschen mit Behinderung nicht sichtbar sind, gibt es Vorurteile. Wenn Menschen mit Behinderung auch medial und in der Öffentlichkeit präsent sind als Ärztinnen, Wissenschaftler oder Schauspielerinnen würden wir auch ein ganz anderes Bild von Behinderung haben. Momentan wird entweder über sie geredet, oder aber Behinderte reden mit Behinderten über Behinderung. Aus dieser Blase müssen wir raus.

Sie stellen auf Ihrem Blog regelmäßig Role-Models vor. Wie wichtig sind Vorbilder im Bereich Inklusion?

Ich glaube, dass Vorbilder für Menschen mit und ohne Behinderung eine Inspiration sein können, um zu zeigen, was sie alles mit ihrem Leben machen können. Gleichzeitig muss man Menschen überhaupt erst in die Lage versetzen, ihre Wünsche und Träume verwirklichen zu können. Es reicht nicht immer aus, etwas zu wollen, sondern man muss auch die Unterstützung haben. Es ist nicht jeder seines Glückes Schmied, weil nicht jeder Schmied Glück hat. Glück heißt in dem Fall ein Umfeld, das an einen glaubt, das einen bestärkt. Der neoliberale Gedanke „Du musst Dich nur anstrengen“ greift zu kurz. Es gibt viele behinderte Menschen, die sich anstrengen und es trotzdem nicht schaffen, weil ihnen so viele Hürden in den Weg gelegt werden. Ich möchte eine solidarische Gesellschaft, die Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen hilft, ihre Wünsche und Ziele zu erreichen.

Sie legen den Finger in die Wunde, dort wo es nötig ist – entscheiden, aber auch mit Humor. Wie wichtig ist es, sich bei ernsten Themen den Humor zu bewahren?

Eine gewisse Leichtigkeit sollte man immer haben, wenn man ernste Themen anpackt, sonst ist man schnell in einer Verbitterung und es fällt schwer, andere Menschen mitzunehmen und zu begeistern. Ich glaube aber nicht, dass das Thema Behinderung mehr oder weniger mit Humor behandelt werden sollte als beispielsweise Gender oder Migration. Dabei geht es weniger darum, es Menschen ohne Behinderung leichter zu machen, sondern vielmehr darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen – dazu kann auch gehören, dass wir gemeinsam lachen. Die Frage ist, ob man gemeinsam lacht, ob man über jemanden lacht, worüber man lacht, und wer den Witz macht.

Der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft ist noch weit. Sie sagen, Inklusion ist eine Frage der Haltung. Was muss passieren?

Niemand hat gesagt, dass Inklusion einfach und umsonst zu haben ist. Oft heißt es, dass Inklusion nur umgesetzt wird, wenn es keinen Aufwand macht. Das ist ein großes Problem. Es geht nicht darum, Plakate zu kleben und damit für Inklusion zu werben, oder zu sagen, wir müssen die Barriere in den Köpfen senken, bevor wir alles andere tun. Ich glaube, es ist genau andersrum! Erst die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung kann die Barriere in den Köpfen senken. Um Begegnung zu ermöglichen brauchen wir Rampen, Untertitel, sowie Räumlichkeiten und Gelegenheiten, die barrierefrei sind. Dafür fehlen oftmals das Bewusstsein und auch die gesetzlichen Verpflichtungen. Wenn die physikalischen und bürokratischen Barrieren gemindert werden, sinken die Barrieren in den Köpfen von ganz alleine.

Was gibt Ihnen den notwendigen Rückenwind bei Widerständen?

Mir hilft ein gutes Netzwerk aus Kolleginnen, Partnern und Freunden, die mit mir gemeinsam an die Sache glauben, und mir ehrliches Feedback geben. Und die kleinen Fortschritte motivieren mich. Beispielsweise beraten wir Redakteure und Medienhäuser, wie sie vorurteilsfrei über Menschen mit Behinderung berichten können. Da merken wir, dass es zu vielen Aha-Momenten kommt. Es zeigt uns, dass man andere mit Begegnung und sachlichem Aufklären für das Thema begeistern kann. Wichtig ist es, Gemeinsamkeiten statt Unterscheide zu finden. Ich bringe seit zwei Jahren einen Newsletter heraus, der jede Woche über Aktuelles aus dem Bereich Inklusion und Barrierefreiheit berichtet. Da finde ich es unglaublich spannend, wie toll das Feedback der Leserinnen und Leser ist, und sich daraus oftmals neue Ideen und Netzwerke ergeben, die das Thema in die Breite tragen.
 

Über Raúl Krauthausen

Raúl Aguayo-Krauthausen wurde 1980 in Peru geboren und lebt heute in Berlin. Sein zweites Zuhause ist das Netz. Dort twittert, bloggt und postet er über die Dinge, die ihn bewegen. Mal humorvoll, mal ernst und mal mit spitzer Zunge. Er studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und Design Thinking. Nach einigen Abstechern in der Werbebranche und beim Radio gründete er gemeinsam mit anderen u. a. den Sozialhelden e.V. und setzt sich als Aktivist, Redner und Berater für Inklusion und Barrierefreiheit ein. 2013 erhielt er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande und veröffentlichte ein Jahr später seine Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“. Seit 2015 moderiert er seine eigene regelmäßige Talksendung zu den Themen Kultur und Inklusion.

 

Interview: Markus Winkler, Pressereferent Deutscher Engagementpreis