Interview

„Wenn man an sich glaubt, ist vieles möglich”

Interview mit Selma Yilmaz-Schwenker

Projektleiterin des Vereins I.S.I. e. V. in Berlin, der seit 1990 Immigrantinnen bei der Existenzgründung fördert.

Manche von ihnen sind erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen, andere tragen schon mehrere Jahre eine Geschäftsidee mit Leidenschaft in sich, die endlich verwirklicht werden soll: Der Verein I.S.I. e. V. berät und qualifiziert migrantische Frauen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Im Interview berichtet Selma Yilmaz-Schwenker von ihrer ersten Zeit in Deutschland, bewegenden Begegnungen im Verein und warum migrantische Frauen bei der Existenzgründung besondere Unterstützung brauchen.

Warum benötigen migrantische Frauen besondere Unterstützung bei der Existenzgründung?

Für Frauen spielt meiner Erfahrung nach Sicherheit eine große Rolle. Sie müssen vieles beachten und mitbedenken – besonders, wenn sie Familie haben. Deswegen investieren sie meist viel Zeit, sich genau zu informieren und beraten zu lassen, bevor sie Entscheidungen treffen – und das ist wichtig und gut so. Meiner Meinung nach gehen Frauen in ihrer beruflichen Lebensplanung häufig Kompromisse ein: Wenn sie Care-Arbeit leisten und viele Dinge im Alltag unter einen Hut bringen müssen, bleibt meist wenig Zeit und Raum für die eigene Geschäftsidee. Der Schritt in die Selbstständigkeit erfordert eine hohe Risikobereitschaft. Junge, kinderlose Frauen haben mehr Entscheidungsfreiräume, benötigen aber oft an anderen Stellen Unterstützung, zum Beispiel bei einer realistischen Zielsetzung aufgrund von mangelnder Berufserfahrung. Migrantinnen stehen zudem vor der Herausforderung, ein neues Netzwerk aufzubauen und das für sie neue System in Deutschland zu verstehen.

Worin besteht diese Herausforderung?

Das Thema Existenzgründung ist ein komplexes Thema für alle. Menschen, die das deutsche System noch nicht so gut kennen, haben es daher besonders schwer: Sie müssen wissen, wie hier alles funktioniert, wie sie ihre Idee umsetzen können und welche Prozesse sie dafür durchlaufen müssen. Dazu kommt meistens eine anfängliche Sprachbarriere. Aber das Besondere an unseren Frauen bei I.S.I. e. V. ist ihr ganz spezieller Blick: Sie sehen Bedarfe und Lücken schneller, zum Beispiel in ihrer Community hier in Deutschland. Sie haben andere Erfahrungen in ihrer Heimat gesammelt und können mit diesem frischen Blick Ideen und Konzepte entwickeln. Das ist eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft!

Sie sind selbst vor neun Jahren nach Deutschland migriert. Wie fühlte es sich an, hier anzukommen und wie haben sie zu I.S.I. gefunden?

Als ich 2012 nach Deutschland kam, brauchte ich plötzlich selbst Hilfe. Es war nicht einfach in den ersten Jahren. Ich dachte: Wie soll ich mich orientieren? Ich habe hier keine Zukunft – bin zwar qualifiziert, aber spreche die Sprache noch kaum und bin auch keine 20-jährige Uni-Absolventin mehr, der alle Türen offenstehen. Dann habe ich bei I.S.I. andere Frauen kennengelernt, denen es erging wie mir. Ich hatte dieses starke Gefühl, dass viele Frauen, die im mittleren Alter nach Deutschland kommen, gleiche Gefühle und Probleme haben wie ich. Dann habe ich viel dazu gelesen und mich selbst empowert. Und dann dachte ich mir: Warum sollte ich das nicht an die anderen Frauen weitergeben?

Wie konnten Sie ihre Erkenntnisse an die anderen Frauen weitergeben?

Ich habe zu Beginn noch Empowerment-Seminare auf Türkisch konzipiert und gegeben, weil ich in der deutschen Sprache so unsicher war. Ich hatte immer Angst, wenn das Telefon klingelte. Mein Mann sagte nur: “Sag einfach immer: Können Sie das bitte wiederholen?” Mittlerweile führe ich Workshops auf Deutsch durch. Ich hätte nie gedacht, dass ich jetzt so gut auf Deutsch arbeiten kann! Solche Erfahrungen gemeinsam mit den anderen Frauen geben unheimlich viel Kraft und Selbstvertrauen.

Was sagen Sie den Frauen, die jetzt zu Ihnen kommen und was brauchen sie?

Ich sage ihnen: Wenn man an sich glaubt, ist vieles möglich. Du darfst nie aufgeben, musst immer aktiv bleiben. In Deutschland gibt es sehr viele Möglichkeiten. Man muss aber auch viel Geduld und Mut mitbringen. Und ganz wichtig ist es, zu wissen: Es gibt einen geschützten Raum für mich, und es gibt auch die Zeit, die ich brauche. Das ist eine sehr wichtige Kombination. Erst dann können die Frauen aus sich herauskommen und trauen sich, Dinge umzusetzen. Klar passieren dann auch Fehler, aber ich sage ihnen dann: Das ist okay, das ist euer Ort, wo ihr alles ausprobieren könnt. Wir sind durch diese Erfahrungen zu einer Community zusammengewachsen, die sich gegenseitig weiterbringt und vorantreibt.

In Ihrer Community gibt es viele sehr unterschiedliche berufliche Werdegänge. Welche Existenzgründung einer Immigrantin hat Sie besonders bewegt?

Vor vier Jahren habe ich eine sehr junge Frau aus Vietnam kennengelernt. Sie hatte gerade ihr Masterstudium absolviert und kam im Sommer zu uns, einfach so, ohne Termin. Sie sagte: “Ich kenne mich in meinem Job aus und will Cashew-Nüsse aus Vietnam importieren. Die Nüsse in Deutschland sind sehr schlecht!” Ich war beeindruckt von ihrem starken Willen und der Idee. Wir beiden konnten damals noch wenig Deutsch und haben viel zusammen gelacht, weil wir uns mit Händen und Füßen verständigen mussten. Sie hat sehr schnell Deutsch gelernt und ein halbes Jahr jeden Tag fleißig an ihrem Business Plan gearbeitet. Dann war sie fertig und sagte: “Nächste Woche fahre ich nach Vietnam, meine Produkte importieren.” Ich konnte es gar nicht glauben, dass das alles so schnell ging. Sie wurde auf ihrem Weg von zwei unserer Dozentinnen begleitet und hat mittlerweile ihr Business mit neuen Produkten und Partnern erweitert. Ich lerne in meiner Arbeit bei I.S.I. viele tolle Frauen kennen, die mich immer wieder mit ihrem Mut und ihren Ideen begeistern.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für diese Frauen und wo besteht Handlungsbedarf für die Politik?

Ich bin sehr glücklich über die Corona-Soforthilfen für Solo-Selbstständige im vergangenen Jahr – das war unheimlich wichtig. Ich würde mir wünschen, dass Solo-Selbstständige aber auch darüber hinaus zukünftig mehr Unterstützung bekommen. Das Thema darf nicht wieder untergehen. Wir brauchen Anreize, die besonders Migrantinnen neue Handlungsspielräume eröffnen. Die Politik könnte zum Beispiel spezielle Programme zur Existenzgründung von Migrantinnen starten, in denen die Frauen finanzielle Unterstützung sowie Betreuung erhalten. Mikrokreditprogramme für Migrantinnen wären auch eine Möglichkeit zur Förderung. Wichtig ist, die Frauen darin zu bestärken, dass sie es schaffen können, in Deutschland finanziell unabhängig zu leben und so auch ein Vorbild für andere in ihrem Umfeld zu sein.

Über Selma Yilmaz-Schwenker

Projektleiterin und ehemaliges Vorstandsmitglied bei I.S.I. e. V. 2019 war der Verein für den Deutschen Engagementpreis nominiert. In diesem Jahr zieht das Vereinsprojekt COMPETENZZentrum für Selbstständige als Finalist für Deutschland ins Finale des Europäischen Unternehmensförderpreises ein.

Interview: Britta Steinwachs, Deutscher Engagementpreis