Interview

“Beim Thema Tierschutz muss man in den Spiegel schauen” 

Interview mit Friedrich Mülln, Gründer von SOKO Tierschutz 

Der Verein SOKO Tierschutz versteht sich als Sonderkommision für die verheimlichten Realitäten, die unseren Umgang mit Tieren prägen. Die Besonderheit der Vereinsarbeit liegt in investigativer Recherche. In öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen machen sie auf Rechtsbrüche in der Tierhaltung und das Leiden von Tieren aufmerksam. Im Interview erzählt Friedrich Mülln, Gründer von SOKO Tierschutz, warum Tierschutz in unserer Gesellschaft so ein kontroverses Thema ist, und wie sein Team mit dem Hass umgeht, der ihnen täglich im Netz begegnet. 

Wie hat es sich angefühlt, den Publikumspreis des Deutschen Engagementpreises im vergangenen Jahr zu gewinnen? 

Das war für unser Team schon etwas ganz Besonderes, weil es ja ausdrücklich kein Tierschutzpreis ist. Klar, Tierschutzorganisationen oder Leute, denen Tierschutz sehr am Herzen liegt, neigen dazu, Tierschützer auszuzeichnen. Aber beim Publikumspreis wurde ja das gesellschaftliche Engagement gewürdigt. Also mit einem Engagementpreis, der dazu auch noch mit von der Bundesregierung gestützt wird. Und dass uns so viele Menschen unterstützt haben, gerade als sehr kleine Organisation, das hat uns natürlich auch sehr gefreut.  

Wofür konnten Sie das Preisgeld einsetzen? 

Das war nicht so einfach dieses Jahr, weil es hauptsächlich von der Pandemie geprägt war – natürlich auch bei uns. Unsere Arbeit ging zu Beginn des Jahres eigentlich gut los: Wir hatten eine Aufdeckung zur Geflügelmast in Deutschland, die ein Riesenproblem darstellt. Aber danach wurde unsere Arbeit sehr schwierig, vor allem, weil in den Medien nur noch das Thema Corona präsent war. Das Preisgeld war für uns deshalb besonders wichtig, um die zusätzlichen Kosten der Recherchen in Coronazeiten zu decken und weiteren Fällen nachgehen zu können. Denn die Notfälle reißen natürlich auch in Zeiten der Pandemie nicht ab: Wir bekommen genauso viele Meldungen über Tierschutzmissstände, über Rechtsbrüche und müssen das dann überprüfen. Corona hat uns dann auch vor neue Herausforderungen gestellt, wie zum Beispiel, dass man ja nicht in zu großen Gruppen in Autos fahren kann. Wir haben auch sehr viel im Auto geschlafen, weil es coronabedingt nicht möglich war, in Hotels zu übernachten. Aber trotz dieser Schwierigkeiten haben wir dieses Jahr sehr viel zu den Problemen bei der Rinderhaltung und der Milchproduktion berichtet und einige weitere Veröffentlichungen machen können, jetzt aktuell zum Beispiel über viel zu lange Geflügeltransporte quer durch Deutschland. Also, das Geld ist gut untergekommen! 

Warum ist das Thema Tierschutz so kontrovers? 

Das Thema Tierschutz trifft einen im höchstpersönlichen Lebensbereich. Es ist das Sofa, auf dem ich sitze. Es ist die Kosmetik, die ich auf der Haut trage. Es ist das Fleisch, das ich esse. Es ist die Milch, die ich trinke. Es trifft die Leute da, wo sie ihre persönliche Freiheit ausleben, wie es ihnen gefällt. Es ist der Urlaub, wo sie hinfahren. Das Hobby, was sie haben. Die Kleidung, die sie tragen. Man sagt den Leuten ja im Prinzip: Das, was du tust, richtet furchtbare Schäden für Erde, Mensch und Tier an. Es ist die große Herausforderung, den Leuten dann zu erklären: Es geht hier um Tierschutz und Tierrechte und du musst etwas an dir ändern. Bei anderen Themen ist das oft so praktisch, da kann man mit dem Finger leicht auf Andere zeigen, aber beim Thema Tierschutz muss man in den Spiegel schauen.  

Wieviel hat das mit Verdrängung zu tun? 

Die Verdrängung ist unser Hauptkonflikt. Die Menschen wissen, was in den Ställen, Schlachthöfen und Tierlaboren los ist. Sie verdrängen es aber. Häufig ist dann das Problem, dass der Überbringer der schlechten Nachricht bestraft wird und nicht der Verursacher. Das bringt uns viel Wut und Hass ein, und damit müssen wir dann umgehen. 

Wie äußert sich die Wut der Menschen und was bedeutet sie für die Arbeit der SOKO Tierschutz? 

Ich musste heute schon wieder zwei beleidigende Kommentare auf Facebook entfernen – es wird regelmäßig mit Schmutz geworfen. Leute mobben uns oder versuchen, unser Engagement lächerlich zu machen. Das sind ja eigentlich alles nur Echos des eigenen Erfolgs. Schlecht wäre es, wenn sie einen ignorieren würden. Wenn sie einen bekämpfen, zeigt das ja auch, dass man theoretisch auch gewinnen kann. Aber man muss es natürlich auch ertragen, dass man ständig Feindbild ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass man ins Internet schaut und man so viele Leute findet, die einen hassen. Das ist nicht einfach – und da sind auch schon Menschen dran zerbrochen. Im Endeffekt kommen wir trotz aller Widrigkeiten gut voran. Wir haben viel erreicht, und ich denke, das geht auch weiter so! 

Was treibt Sie an in Ihrem Engagement? 

Gerechtigkeitssinn. Ich habe selber erlebt, was es heißt, ausgegrenzt zu werden. Mit roten Haaren und Hochdeutsch im tiefsten Bayern hat man es nicht so leicht als Kind. Und dadurch lernt man sehr früh, was Ungerechtigkeit bedeutet, und dann braucht es auch nur noch einen kleinen Sprung, um zu verstehen, was Ungerechtigkeit für nicht-menschliches Leben bedeutet. Wenn man das versteht und den nötigen Mut an den Tag legt, ist eigentlich klar, dass man aktiv werden muss. 

Was braucht es für ein gutes Team? 

Mut, Disziplin, Anteilnahme und Humor. Und den Willen, über sich hinauszugehen. Im Prinzip sind das ähnliche Kombinationen, die man auch bei der Feuerwehr braucht. Jede Person hat eine Rolle, ohne die es nicht geht. Man muss sehr gut zusammenarbeiten. Daher ist es auch wichtig, dass die Menschen sich nicht nur auf die eine Person fixieren, die sie in der Öffentlichkeit sehen, sondern auch klar wird, dass es viele Menschen gibt, die im Schatten stehen und ihr Gesicht nicht zeigen können, die aber mindestens genauso wichtig sind.  

 

Über Friedrich Mülln und SOKO Tierschutz 

Friedrich Mülln gründete 2012 den Verein SOKO Tierschutz. Der Verein deckte diverse bisher unbekannte Missstände auf, wie die systematische Schlachtung kranker Kühe oder illegale Primatenversuche. Die Engagierten klären Verbraucherinnen und Verbraucher mittels medialer Berichterstattung über Tierhaltung und Fleischproduktion auf. Dabei nehmen sie auch die Folgen für die Umwelt und den Schutz der Menschen in den Blick. 

 

Interview: Britta Steinwachs, Deutscher Engagementpreis