Das gute Beispiel

Glückauf in Deutschland - Eine Spurensuche

Verein für Internationale Freundschaft (ViFDo)

Das Ruhrgebiet hat eine lebendige Migrationsgeschichte, insbesondere im Bereich Bergbau. Die individuellen Erfahrungen der Männer und Frauen, die während der verschiedenen Migrationsbewegungen nach Deutschland kamen, stehen jedoch selten in der Öffentlichkeit, obwohl sie zentraler Teil der Geschichte von Städten wie Dortmund, Essen oder Bochum sind. Die gemeinsame Erinnerung an die Jahre der Migration, an die Anfangsschwierigkeiten, Hoffnungen und Wünsche drohen in Vergessenheit zu geraten. Der Verein für Internationale Freundschaften (ViF) aus Dortmund setzt hier an und lenkt mit außergewöhnlichen Projekten die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die vielfältigen Erfahrungen und Geschichten von Menschen mit Migrationshintergrund. Damit möchte er einen intergenerationellen Austausch über lokale Migrationsgeschichten anstoßen und seine Mitglieder in ihrer Identitätssicherung unterstützen.

Viktoria Waltz ist so etwas wie die gute Seele des Vereins für Internationale Freundschaften. Als Gründungsmitglied hatte die ehemalige Dozentin am Institut für Raumplanung an der Technischen Universität Dortmund viel mit ausländischen Studierenden zu tun. Aus der gewerkschaftlichen Bewegung gegen Fremdenfeindlichkeit „Mach' meinen Kumpel nicht an“ ist der ViF 1987 als internationaler Verein entstanden. Seitdem ist er Anlaufstelle für Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Ländern.

Ein Stück Heimat

Der Verein entwickelte sich bald zu einem Ort für Zugewanderte, an dem sie in Ruhe ihre Alltagsprobleme besprechen, über Politik reden, Zeitungen lesen oder Aktivitäten jenseits der verlorenen Arbeit organisieren konnten. Das Konzept einer solidarischen, selbstbestimmten Gestaltung der Aktivitäten älterer Migrantinnen und Migranten ging auf: Sie trafen sich zum Singen, gemeinsamen Kochen, Stricken, Nähen, oder zur Seniorengymnastik oder organisierten Veranstaltungen zu aktuellen kulturellen und lokalpolitischen Themen. Eine große Rolle spielte die Selbstorganisation – die Dinge zu machen, die für wichtig erachtet wurden. Und das Gefühl bei vielen Migrantinnen entstand, „hier haben wir ein Stück Heimat gefunden“, erzählt Waltz. Es folgten Projektvorschläge für eine kultursensiblen Pflege sowie seniorengerechtes kultur- und generationenübergreifendes Wohnen.

Die Migrationserfahrungen lebendig machen

Seit 2013 betreibt der Verein auch eine Spurensuche zur gemeinsamen Migrationsgeschichte. Die Engagierten begaben sich auf erinnerungskulturelle Spurensuche und haben seitdem verschiedene Projekte zu den Biografien von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten der ersten Generation aus der Türkei sowie Zuwanderern aus Süd- und Osteuropa initiiert. Hierfür haben sie Interviews geführt, Erinnerungsorte aufgesucht und Erzählcafés organisiert. Aus den gesammelten Geschichten entstanden verschiedene Ausstellungen und Buchprojekte. Ein Ergebnis ist die Ausstellung „Glückauf in Deutschland“, die sich der Geschichte türkischer Jugendlicher widmet, die 1964 zur Ausbildung in den Ruhrbergbau kamen. In Ergänzung wurde 2018 ein Band mit den Biografien ihrer in den siebziger Jahren geheirateten Frauen, deutsche und auch türkische, veröffentlicht: „Wir hier oben – Ihr dort unten“. Diese Spurensuche würdigt die Lebensleistung der Migrantinnen und Migranten, gibt ihnen eine Stimme und vermittelt ihnen einen Platz im öffentlichen Geschichtsbewusstsein der Stadt.

Eine Erfahrung, die Waltz dabei gemacht hat, ist, dass es für viele Migrantinnen schwer ist, sich ernst zu nehmen und über sich selbst zu reden. „Viele denken, ‚das interessiert keinen’. Wichtig ist es, die Zunge zu lösen und wenn einer mal anfängt, geht es leichter. Auch Fotos können helfen, den Anfang zu machen.“ Und der Erfolg zeigt: Das Buch schafft eine Kulturbrücke von den Seniorinnen zu ihren Enkeln. Es ist ein Mittel der Kommunikation, das die Generationen der Familien zusammenschweißt. „Viele Wünsche der zugewanderten Frauen haben sich nicht erfüllt. Das ist ein Trauma, das diese Frauen begleitet. Dabei haben die Frauen einen großen Anteil am beruflichen Erfolg ihrer Männer und Kinder.“ Die Ausstellungen und das Buch sind Mittel, um dafür, dass ihre Situation verstanden, Leistungen anerkannt werden und auch um stolz auf ihr Leben zu sein. Damit werden sie selbst zum Motor für die eigene lokale Geschichtsschreibung.

Die Ausstellung kann immer noch gezeigt, die Bücher über den Verein bestellt werden unter vifdo(at)web.de.