Das gute Beispiel

Per Anhalter durch die Westeifel

EngagementGeschichte Mitfahrerbank flott-fott des Caritasverbandes Westeifel e. V.

Der demografische Wandel ist insbesondere für den ländlichen Raum eine Herausforderung. Um Lücken in der Mobilitätsversorgung zu schließen, helfen sich manche Gemeinden selbst – mit viel kreativem Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Wie solche positiven Impulse gesetzt werden können, zeigt die Mitfahrerbank flott-fott des Caritasverbandes Westeifel e. V.

Jeder, der auf dem Dorf wohnt, kennt das: Wer sich spontan woanders verabreden möchte, zum Arzt ins Nachbardorf muss oder abends ins Kino gehen möchte, ist in der Regel auf ein Auto angewiesen. In vielen Regionen verschärft sich diese Situation noch, da aufgrund des demografischen Wandels der ohnehin schon spärliche öffentliche Personennahverkehr weiter eingeschränkt wird. Insbesondere für Seniorinnen und Senioren sowie Jugendliche, aber auch für Familien, die sich kein Auto leisten können, wird das zum Problem. Einige Gemeinden helfen sich selbst. In der Eifel haben Bürgerinnen und Bürger ein Mobilitätskonzept entwickelt, das helfen soll, dass die Menschen gerne weiter auf dem Land leben wollen.

Die Zukunft der Mobilität ist analog
Vor dem Rathaus in Speicher steht eine Mitfahrerbank. Sie ist türkis gestrichen und daneben steht ein Pfosten, an dem mit umklappbaren Schildern mögliche Ziele wie zum Beispiel „Bahnhof“ oder „Bitburg“ (Kreisstadt) ausgewählt werden können. Wer ein Ziel auswählt und auf der Bank Platz nimmt, hat gute Chancen, dass ein Autofahrer anhält und eine kostenlose, spontane Mitfahrt anbietet. Die Bank - wie die anderen Mitfahrerbänke in der Verbandsgemeinde Speicher auch - ergänzen den lückenhaften Nahverkehr. Klappt man das unbeschriftete Schild auf, wird aus der Mitfahrerbank eine Ruhebank.

Der Nachteil der wenig bevölkerten Dörfer wird hier zum Vorteil: Man kennt sich. Und deswegen dauert es meistens nicht lange, bis jemand vorbeikommt, den man kennt und der einen mitnimmt. Oder jemand Fremdes anhält und einem einen Gefallen tut. Man kommt ins Gespräch und knüpft mit jemandem aus seiner Nachbarschaft Kontakt, das schweißt zusammen, fördert das Miteinander und stärkt das „Wir-Gefühl“.

Von Bank zu Bank durchs ganze Land
Seit August 2014 sind in der Verbandsgemeinde Speicher in Rheinland-Pfalz 13 Mitfahrerbänke an öffentlichen Plätzen aufgestellt worden. Das Ziel der Initiatorinnen und Initiatoren und ihrer Mitstreitenden ist die weitere Verbreitung von Mitfahrerbänken auch über die Verbandsgemeinde Speicher hinaus, so dass ein Netzwerk von Mitfahrerbänken entsteht – nach dem Motto: Von Bank zu Bank durchs ganze Land. Viele Regionen im ländlichen Raum haben das Konzept bereits übernommen. Und auch im europäischen Ausland wurden bereits Mitfahrerbänke aufgestellt. Selbst aus Frankreich, Schottland, und dem Baltikum gab es schon Anfragen.

Das Einfache überzeugt
Das Konzept schließt eine Lücke in der Mobilitätsversorgung im ländlichen Raum. Es überzeugt durch seine einfache Umsetzung. Und es bringt die Menschen näher zusammen, indem sie für Mitmenschlichkeit, Kooperation und Kommunikation steht. Denn auch das gehört zu einer guten Lebensqualität dazu. Und dann geht’s „flott fott“, wie man in Speicher sagt.


3 Fragen an… Ursula Berrens (Caritasverband Westeifel e. V. / Mitinitiatorin der Mitfahrerbank):

Was motiviert Sie persönlich, sich zu engagieren?

Ich möchte, dass der ländliche Raum durch die demografische Entwicklung nicht abgehängt wird. Es wäre zu einfach, nur über die aktuellen Zustände zu jammern und sich beispielsweise darüber zu beklagen, dass es zum Teil kaum möglich ist, bei uns auf dem Land mit öffentlichen Verkehrsmitteln seine Behördengänge zu erledigen und am gleichen Tag wieder zurück zu fahren. Unsere Mitfahrerbank sehe ich da als kleines innovatives Mikroprojekt, das positive Impulse setzt. Wir möchten gerne ein Gemeinschaftsgefühl und eine Identifikation mit unserem Ort erreichen, um etwas zu bewegen, andere zu ermutigen und damit auch die Stimmung zu verändern.

Was war der bislang schönste Moment in Ihrem Engagement?

Einer der schönsten Momente war, zu sehen, dass diese Idee trotz mancher anfänglicher Skepsis so viel Zustimmung erhält. Anfangs wurden wir für unsere exotische Idee noch belächelt. Aber als wir dann 2014 den Publikumspreis beim Orange Social Design Award gewonnen haben, hat uns das richtig Auftrieb gegeben und mit dem kommunalen Rückhalt konnten wir dann in den nächsten Jahren noch einige weitere Mitfahrerbänke aufstellen.

Wenn Sie einen Wunsch frei haben, was würde Ihnen am meisten helfen in Ihrem Engagement?

Finanzielle Mittel und Zeit sind wichtig, um Projekte umsetzen zu können. Doch wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es, Lebensfreude in Tüten zum Verschenken.