Das gute Beispiel

Sea-Eye

Retter in der Seenot

„Immer, wenn wir Menschen auf einer Mission gerettet haben, explodiert unser Postfach mit hässlichen Nachrichten. Heute werden Sachen gesagt, die früher undenkbar waren“, erzählt Gorden Isler. Isler ist Vorsitzender des Vereins Sea-Eye e. V., der sich der Aufgabe der Menschenrechtsbeobachtung und der Seenotrettung verpflichtet hat. „Mehr Menschen schreiben hässliche Nachrichten als gute. Aber das ist nicht die Mehrheit. Man darf sich davon nicht täuschen lassen.“

Aufhören ist keine Option

Das tun sie auch nicht. Und Aufhören sei erst recht keine Option. Isler war Einsatzleiter auf dem Seenotrettungsschiff „Alan Kurdi“. Im Februar taufte der Syrer Abdullah Kurdi das Sea-Eye-Schiff auf den Namen seines ertrunkenen Sohnes. Der Name soll daran erinnern, worum es in der zivilen Seenotrettung geht. Um die Rettung von Menschenleben und um das unendliche Leid der Hinterbliebenen von jenen Menschen, die nicht gerettet worden sind – einer der bewegendsten Momente, wie Isler sagt. Was ihn antreibt? Nirgendwo sonst erfährt er so einen hohen Wirkungsgrad in seinem Engagement. Der Verein hat sich mit den Schiffen Sea-Eye und Seefuchs seit 2015 an der Rettung von mehr als 14.000 Menschenleben beteiligt. Auf See und an Land beteiligten sich mehr als 1200 Helferinnen und Helfer.

Als sie 2015 anfingen, hätte keiner gedacht, das über mehrere Jahre zu machen. Vielmehr sei es ein hemdsärmlicher Ansatz gegen die Angst, dass Menschen ungesehen und ungehört im Mittelmeer sterben. Gedacht als eine Art schwimmende Telefonzelle, um Alarm zu schlagen, wenn Geflüchtete zu ertrinken drohen. Mittlerweile haben sie mit der Alan Kurdi ein eigenes professionelles Schiff unter deutscher Flagge, für die Finanzierung und Registrierung des Schiffs war Isler verantwortlich.

Die Einsätze hinterlassen Spuren

Diese Verantwortung hat auch Auswirkungen auf das berufliche und private Umfeld der Engagierten. Isler ist selbständig und als Versicherungsmakler Geschäfts­füh­rer eines Finanzunternehmens. Nicht unbedingt das, was man sich klassischerweise unter einem Seenotretter vorstellt. Während der Einsätze muss seine Arbeit von seinen Kolleginnen und Kollegen aufgefangen werden. Und auch seine Frau ist mehrere Wochen bei der Betreuung der gemeinsamen Tochter auf sich allein gestellt. Ohne diese Unterstützung im privaten und beruflichen Umfeld wäre das nicht möglich, denn der Einsatz hinterlässt Spuren. Das Engagement zieht viele Entbehrungen nach sich, er fühlt sich erschöpft, sagt, dass er mit dem Kopf oft woanders ist.

Isler hat erlebt, wie Menschen ausbrennen und wie sie Wesensveränderungen durchmachen. Wie Menschen nach vielen Missionen am Stück nicht mehr in ihr alltägliches Leben zurückkehren können, ihren Job verlieren, Familien zerbrechen. Die Einsätze waren ursprünglich nicht auf Langfristigkeit ausgelegt, bei Sea Eye geht es daher jetzt nach zwei durchgeführten Missionen erst einmal nach Hause. Isler hat gelernt, auf sich aufzupassen. Er kann auf die Unterstützung seiner Familie und Freunde bauen und holt sich professionelle Hilfe über einen Supervisor.

Unternehmensberater, Ärztinnen und Metzgermeister engagieren sich

Als Versicherungsmakler wollte Gorden Isler der internen Logik, dass Versicherungen nur funktionieren, wenn andere einen Schaden haben, eine positive Energie entgegensetzen. Überhaupt fällt bei Sea Eye die große Vielfalt der engagierten Menschen auf: Von Ärztinnen und McKinsey-Unternehmensberatern über Maschinenbaustudierenden und bayerischen Metzgermeistern bis zum Rechtsanwalt, der in einem CDU-Kreisverband aktiv ist. Eine sehr bürgerliche Koalition wenn man so will.

Rückenwind geben die Erfolgserlebnisse, wenn schiffbrüchige Menschen sicher an Land gebracht werden konnten. „Das war eine unglaubliche Erleichterung, da es eine wahnsinnig erschöpfende Arbeit war mit hunderten Momenten, wo es hätte schief gehen können,“ erzählt Isler von seinem Einsatz. Auch die gesellschaftliche Anerkennung, die sie erfahren, hilft: „Die Auszeichnung mit dem Smart Hero Award und die Nominierung für den Deutschen Engagementpreis bedeuten uns sehr viel, weil es eine Wertschätzung für das darstellt, was wir tun.“

 

Über Sea-Eye

Der Verein Sea-Eye e. V. hat sich der Aufgabe der Menschenrechtsbeobachtung und der Seenotrettung verpflichtet. Dafür betreibt der Verein seit November 2018 das 69 Jahre alte ehemalige Forschungsschiff “Alan Kurdi” unter deutscher Flagge. Der Verein wurde im Jahr 2015 von der Regensburger Unternehmerfamilie Buschheuer und ihren Freundinnen und Freunden gegründet. Zusammen mit einer schnell wachsenden Anzahl von Unterstützerinnen und Unterstützern erschufen sie das, was sich heute Sea-Eye e. V. nennt. Dazu führen sie Beobachtungsmissionen auf dem Mittelmeer durch, bilden Zivilistinnen und Zivilisten zu Rettungskräften aus und retten Menschen vor dem Ertrinken. Der Verein wird rein ehrenamtlich betrieben ohne hauptamtlich Beschäftigte und ohne Vergütung.