Für eine Kommunikation auf Augenhöhe
Wie können Vereine und Organisationen Menschen mit Migrationsgeschichte als Mitstreiter*innen gewinnen? Welche Maßnahmen lassen sich besonders wirkungsvoll einsetzen? Anna Friedrich vom Kompetenznetzwerk „Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“ gibt im Interview Hinweise und Tipps.
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Zwei Faktoren sind entscheidend, um zu erkennen, wie divers der eigene Verein aufgestellt ist: Repräsentanz und Mitbestimmung.
Viele Vereine und Organisationen suchen Mitstreiter*innen, die sich freiwillig engagieren. Sie erreichen oftmals nur wenig Menschen mit Migrationsgeschichte. Woran liegt das?
Das kann viele Gründe haben. Ein Grund ist, dass vielen Organisationen und Institutionen immer noch nicht bewusst ist, dass Deutschland eine Migrationsgesellschaft ist. Dabei hatten im Jahr 2022 laut statistischem Bundesamt 28,7 % der Bevölkerung eine (familiäre) Migrationsgeschichte - unter Kindern und Jugendlichen sogar 39 %. Zudem gibt es zahlreiche Menschen, die zwar formal keine Migrationsgeschichte haben, aber dennoch Rassismus bzw. Antisemitismus erfahren.
Es ist also eine zentrale Aufgabe für Organisationen und Institutionen, Menschen mit (familiärer) Migrationsgeschichte bzw. Rassismuserfahrung oder Antisemitismuserfahrung aktiv einzubinden. Das ist geboten, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern sowie Mitgestaltung und Chancengerechtigkeit für alle umzusetzen.
Erfreulicherweise gibt es eine große Zahl von Vereinen und Organisationen, die Menschen mit Migrationsgeschichte und/ oder Rassismuserfahrung erreichen wollen. Hier fehlt es aber oftmals an Know-How, wie dieser gute Wille praktisch und nachhaltig umsetzbar ist.
Wie können sich Vereine und Organisationen so öffnen, dass sich auch wirklich alle angesprochen fühlen?
Die einfache Lösung ist, dass das „migrantische Auge“ mit am Tisch sitzen muss. Dies kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen: Ein erster Schritt wäre, den Austausch mit Migrant*innenorganisationen (MO) und Neuen Deutschen Organisationen (NDO) zu suchen, die sich zu ähnlichen Themen engagieren, wie der eigene Verein. In der Regel gibt es dort wertvolle Erfahrungswerte zu der Frage, wie die eigene Organisation rassismus- und migrationssensibler arbeiten kann.
In der Zusammenarbeit ist es aber wichtig, auch etwas anzubieten. Denn Austausch- und Beratungsformate sind nur sinnvoll für MO und NDO, wenn auch diese vom Austausch profitieren. Vielleicht hat der Verein Räumlichkeiten, den er im Gegenzug zu einer Beratung regelmäßig zur Verfügung stellen kann? Vielleicht gibt es Honorarmittel, die er für eine solche Beratung einbringen können? Vielleicht kann eine gemeinsame Veranstaltung durch die Organisation finanziert werden? Vielleicht lässt sich eine längerfristige Kooperation aufbauen, von der beide Seiten profitieren?
Sobald sich die ersten Menschen mit Migrationsgeschichte/ Rassismuserfahrung in einer Organisation engagieren und dort auch wohlfühlen, werden über deren Netzwerke noch mehr Menschen mit ähnlicher Erfahrung zu ihr finden. Schließlich finden Menschen vor allem über persönliche Netzwerke und über die für sie relevanten Themen zu einem Verein oder einer Organisation.
Bei der Kommunikation ist es wichtig, dass sie auf Augenhöhe stattfindet, und dass Menschen mit Migrationsgeschichte/ Rassismuserfahrung mit den oft sehr unterschiedlichen Einschätzungen, Bedürfnissen und Expertisen ernst genommen werden.
Wie kann ich mich selbst auf unbewusste Versäumnisse überprüfen?
Entscheidend sind zwei Faktoren: Nämlich Repräsentanz und Mitbestimmung.
Um zu erkennen, wie divers der eigene Verein aufgestellt ist, helfen folgende Fragen: An welche Zielgruppe richten sich unsere Aktivitäten? In welchen Sprachen kommunizieren wir? Wer ist in unserem Verein aktiv? Wer sitzt mit im Vorstand oder anderen Gremien, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden? Wer ist hauptamtlich beschäftigt? Gibt es Ehrenamtliche/ Hauptamtliche, die für Rassismus sensibilisiert sind/ die sich mit Fragen rund um Migration und Rassismus gut auskennen? Um welche Themen geht es und für wen sind sie wichtig?
Werden diese Fragen überwiegend damit beantwortet, dass die Themen und engagierten Menschen wenig divers in Bezug auf Rassismuserfahrung und Migrationsgeschichte sind, gibt es Nachholbedarf.
Um nachhaltig Diversität zu erreichen ist Ausdauer gefragt. Was ist dabei zu beachten?
Eine rassismus- und migrationssensible Öffnung von Vereinen und Organisationen kostet in der Regel Zeit und Geld. Hier ist ein klarer Wille zur Veränderung und Ausdauer nötig.
Ein professioneller Umgang mit Rassismuserfahrung, Migrationsgeschichte und weiteren Diskriminierungsdimensionen darf nicht von engagierten Einzelpersonen abhängen oder davon, dass Einzelpersonen Zusatzqualifikationen erwerben. Ein erster Schritt zur Entwicklung von Fachkenntnis rund um Diversität und Diskriminierung sind Fortbildungen. Für eine wirklich nachhaltige migrations- und rassismussensible Öffnung von Organisationen und Vereinen empfehlen wir, dafür kompetente Personen zu gewinnen – sowohl im Ehrenamt als auch im Hauptamt.
Idealerweise ist ein solcher Prozess in eine ganzheitliche migrations- und rassismussensible Organisationsentwicklung eingebettet. Eine solche Organisationsentwicklung sorgt für ein besseres Betriebsklima und ein erfolgreicheres Engagement bei Ehren- und Hauptamtlichen. Verändern sich die Themen und die Mitglieder im Verein, werden auch neue Engagierte gewonnen – dies gilt insbesondere im Hinblick auf Menschen mit Migrations- und Rassismuserfahrung.
Welche konkreten Maßnahmen lassen sich besonders einfach und wirkungsvoll einsetzen?
Es gibt viele verschiedene Maßnahmen, die sich recht einfach umsetzen lassen:
Ein Ansatzpunkt ist die Frage, wer in der Außendarstellung der Organisation, des Vereins sichtbar wird. Welche Personen sind auf Flyern oder auf der Website abgebildet? Wer wird zu Online-Talks auf Social Media eingeladen? Wer gestaltet den nächsten Workshop zur Klimagerechtigkeit? Um mehr Menschen mit Migrationsgeschichte/ Rassismuserfahrung zu erreichen, muss man diese auch hier einbeziehen.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Sprache, in der kommuniziert wird. Ist sie akademisch, kompliziert und nur für Menschen verständlich, die studiert oder Deutsch als Erstsprache haben? Gibt es mehrsprachige Angebote, die zur gewünschten Zielgruppe passen? Lassen sich für Veranstaltungen spontane Flüsterübersetzungen mit Freiwilligen aus dem Publikum umsetzen?
Außerdem empfehlen wir, zu prüfen, ob die angebotenen Formate auch zum Alltag der Zielgruppe passen. Sind Präsenzveranstaltungen am Abend unter der Woche sinnvoll, wenn eigentlich Hausaufgaben gemacht werden müssen, oder nebenbei gejobbt wird? Sind Online-Formate hilfreich, wenn nicht alle über ein digitales Endgerät verfügen? Sind Veranstaltungen im ländlichen Raum für alle sicher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen oder sollten lieber Fahrgemeinschaften angeboten werden?
Die Zielgruppe von Menschen mit Rassismuserfahrung/ Migrationsgeschichte ist genauso heterogen wie die gesamte Bevölkerung in Deutschland. Einige sind kürzlich als Geflüchtete nach Deutschland gekommen, andere Leben in der 4. Generation in Deutschland. Einige sind alt, andere sind jung. Einige gehören zur studierten Mittelschicht, andere sind im Bildungssystem benachteiligt. Einige sind queer, andere heterosexuell. Einige sind religiös, andere atheistisch. Bei der Organisation der eigenen Vereinstätigkeiten und innerhalb der Struktur der eigenen Organisation muss sich die Diversität unserer Gesellschaft widerspiegeln.
Welche Rolle für mehr Teilhabe in Bezug auf freiwilliges Engagement spielen Migrantenorganisationen und neue deutsche Organisationen ?
Es gibt in Deutschland eine reiche Landschaft von MO und NDO. Allein bei der „Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisation“ gibt es 70 Mitgliedsorganisationen und das postmigrantische Netzwerk der „neuen deutschen organisationen“ (ndo) zählt knapp 200 Mitglieder. Dies ist nur ein Ausschnitt über die mannigfaltige Anzahl von MO und ndo. In ihnen engagieren sich unzählige Menschen aller Generationen in Deutschland. Ein Großteil der MO und NDO sind in der Wohlfahrtspflege tätig und leisten somit einen entscheidenden Beitrag zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung für alle Menschen.
MO und NDO haben außerdem vertrauensvolle und inhaltlich versierte Zugänge zu Menschen aus den verschiedensten Communities und kennen daher deren Bedürfnisse und Anliegen genau. Sie sind damit zentrale Akteur*innen, wenn es darum geht, Menschen mit Migrationsgeschichte/ Rassismuserfahrung für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen und für mehr Teilhabegerechtigkeit und Versorgungsgerechtigkeit für alle Menschen in Deutschland zu sorgen.
Wo sehen Sie politische Hebel für mehr Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte in Bezug auf freiwilliges Engagement?
Migrantenorganisationen auf allen föderalen Ebenen müssen mit den erforderlichen Ressourcen ausgestattet werden, um ihre Expertise auf Augenhöhe einbringen zu können. Die Strukturförderung von Migrantenorganisationen durch das Bundesinnenministerium ist ein gutes Beispiel, wenn auch im Umfang noch deutlich zu gering.
Auch Stiftungen müssen hier ihre Förderansätze ändern und an die Bedarfe von MO und NDO anpassen. Die Robert Bosch Stiftung geht hier mit gutem Beispiel voran. Zusammen mit der Türkischen Gemeinde in Deutschand und den ndo haben sie das Förderpgroamm „LEVEL up!“ entiwckelt, bei dem MO und ndo niedrigschwellig finanziell und ideell gefördert werden.
Anna Friedrich ist Projektreferentin im Kompetenznetzwerk „Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“. Das Kompetenznetzwerk ist ein Zusammenschluss von langjährig erfahrenen Trägern, die das Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft in Vielfalt fördern und gestalten wollen. Die Türkische Gemeinde in Deutschland koordiniert die Arbeit des Netzwerks.