Foto: Kulturwerkstatt Geithain

Das Ende kam nicht unerwartet, aber dennoch unvermittelt. Nach über 20 Jahren war es vorbei mit dem Kinder- und Jugendhaus R9 in Geithain. Weder vom Träger noch von der Stadt wurden dafür Gründe genannt. Für Steve Eichhorn steht jedoch fest: Das Kinder- und Jugendhaus war vielen in der Kommunalpolitik ein Dorn im Auge. Und ohne kulturelle Anlaufstelle, gerade für junge Menschen, sieht es düster aus für die Zukunft im ländlichen Raum.

Geithain liegt zwischen Leipzig und Chemnitz im Sächsischen Hügelland. Eichhorn ist Ur-Geithainer und engagiert in der Kinder- und Jugendarbeit als "die Mutti für alles", wie er sagt. Das Jugendhaus ist ein beliebter Treffpunkt, den es nicht mehr gibt.

Auch Mahnwachen helfen nicht gegen die Schließung

Sie finden sich zu einer Interessensgemeinschaft von ca. 25 Personen zusammen und organisieren Mahnwachen gegen die Schließung – erst im Jugendhaus, und als ihnen das verboten wird, davor. Sie sprechen bei den Stadtratssitzungen vor und stoßen auf Ignoranz und Ablehnung, erzählt Eichhorn. Nach der vierten Mahnwache steht der Entschluss fest, und sie gründen einen Verein. Das ist die Geburtsstunde des Kulturwerkstatt Geithain e. V.

Zunächst geht es Steve Eichhorn als Vorstandsvorsitzendem des Vereins darum, etwas anzubieten, was er in der Kommune vernachlässigt oder als nicht notwendig erachtet sieht. Sie organisieren ein Kinder- und Jugendfest im Stadtpark mit Livemusik und andere offene Veranstaltungen. Doch auch hier stoßen sie auf Widerstände. Sie dürfen das dazugehörige Gebäude nicht anmieten und die beantragten Strom- und Wasseranschlüsse nicht benutzen.

Das "Glück im Unglück" und viel Eigeninitiative

Doch dann haben sie „Glück im Unglück“ wie Eichhorn sagt. Eichhorn ist mit einem Hausmeisterservice selbständig. Er verwaltet unter anderem drei Gebäude, für die es noch keine Nutzung gab. Und Eichhorn stellt dem Besitzer seine Idee für ein neues Jugendzentrum vor. Dem gefällt das, was er hört. Eichhorn bewirbt sich mit dieser Idee beim Ideenwettbewerb des Mitmach-Fonds Sachsen und hat Erfolg. Sie können ihr eigenes Soziokulturelles Zentrum gestalten.

Beinahe wöchentlich treffen sie sich für Baueinsätze, um immer mehr Teile fertigstellen zu können. In Eigeninitiative und ehrenamtlich sanieren sie das direkt am Bahnhof gelegene Gebäude von 200 qm Grundfläche. Bis 2010 diente als Funktionsgebäude der Deutschen Bahn und besteht aus zwei Etagen und einem Dachgeschoss. In kleinen Schritten packt die Gruppe nach Feierabend und an den Wochenenden an, um der alten Bausubstanz Leben einzuhauchen. Im Sommer 2022 erteilt das Landratsamt die Nutzungsgenehmigung für den öffentlichen Betrieb.

Ein Freiraum und Rückzugsort

Das Soziokulturelle Zentrum ist ein Freiraum und Rückzugsort, um Freizeit selbst nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden kann. Der Verein fördert handwerkliche Aneignungen oder Schnupperkurse für noch unentschlossene Ausbildungssuchende. Willkommen sind auch Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete, Menschen mit Handikap, in Not geratene oder sozial Benachteiligte. Es dient als Schwerpunkt der offenen Kinder- und Jugendarbeit, aber auch als Bürger*innen-Treff und Anlaufstelle für jeden.

Mittlerweile konnte der Verein schon zahlreiche Veranstaltungen und Workshops anbieten, die gut angenommen worden sind: Workshops zu Siebdruck und Graffiti, gemeinsames Kochen, Open-Air-Konzerte und vieles weitere stand auf dem Programm. Mit Unterstützung des Kinder- und Jugendrings haben sie seit Ende Juli Unterstützung durch einen Pädagogen, der die freiwillig Engagierten ein wenig entlastet. Allerdings läuft die Förderung nur bis Jahresende.

Hat Steve Eichhorn es geschafft, ist er am Ziel angekommen? Eichhorn sagt, dass er und seine Mitstreiter*innen die Arbeit machen, die eigentlich kommunale Angelegenheiten wären. Und rein ehrenamtlich stoße er an seine Grenzen. Die Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe ist beantragt. Er sucht das Gespräch mit den Menschen vor Ort, bei manchen stoße er immer noch auf taube Ohren, aber andere seien positiv überrascht. Er hat etwas bewegt, worauf er stolz ist.

Zur Website der Kulturwerkstatt Geithain

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