Wie ein inklusives Buch entsteht und Preise gewinnt
Es war einmal ein Ort, an dem verschiedene junge Menschen ganz selbstverständlich miteinander umgehen. Wo es zu keiner Zeit eine Rolle spielt, ob jemand eine Behinderung hat, oder nicht. Und an dem wirklich alle gleichberechtigt etwas zusammen entwickeln und gestalten, das ihnen und anderen Freude macht.
Was klingt wie der Anfang eines Märchens, ist Realität. Eine viel zu seltene Realität jedoch, da wir in Deutschland noch einen langen Weg zu gehen haben zu einer inklusiven Gesellschaft. Aber es gibt Beispiele, wie es gehen kann. Eines davon zeigt die Elterninitiative INKLUSION – HIER & JETZT! e.V. aus Leverkusen.
Mit inklusivem Laufen fing es an
Gegründet hat sich der Verein 2016 als Zusammenschluss von Eltern, Freund*innen und Verwandten von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung. Auslöser war eine konkrete Erfahrung. Anke Heitmeier erinnert sich: „Wir wollten uns als Familie gemeinsam auf einen Stadtlauf vorbereiten. Wir haben ein Kind mit und eines ohne Behinderung und bemerkten bald, dass es Lauftreffs gab, in denen man gemeinsam mit anderen trainieren konnte – aber alle Gruppierungen richteten sich entweder nur an Menschen mit Behinderung oder nur an Menschen ohne Behinderung. Da wir gewöhnt sind, unseren Familienalltag gemeinsam zu gestalten, gefiel uns das nicht.“
Also nahmen sie das Heft selbst in die Hand. Die Familie stellte sich einige Wochen lang an Samstagvormittagen mit einem kleinen Infotisch mit Erfrischungen und bunten Luftballons am nahegelegenen Leverkusener Oulusee auf. Hier luden sie vorbeigehende Familien mit Kindern ein, gemeinsam um den See zu laufen. Die Idee kam gut an. Viele waren begeistert von dem selbstverständlichen Miteinander: Schon bald liefen immer mehr Familien samstags gemeinsam um den See – bis heute. Diese Resonanz spornte sie zu weiteren Aktivitäten an, wie dem inklusiven Märchenbuch „einfach märchenhaft“.
Ein inklusives Buch entsteht
Oft führt eins zum anderen. So auch hier: Seit sieben Jahren trifft sich eine Gruppe junger Menschen mit und ohne Behinderung regelmäßig bei Familie Heitmeier, um mit Hand- und Fußabdrücken Druckvorlagen zu gemeinsam festgelegten Themen herzustellen. Was zunächst als hübsche, aber vergleichsweise einfache Weihnachtspostkarten begann, entwickelte sich immer weiter bis hin zu ausgereiften Druckvorlagen zu Musiktheaterstücken und Märchen. Damit trat die Gruppe 2019 im Rahmen der Leverkusener Kunstnacht und im Jahr 2020 mit der Ausstellung „Märchenhaft!“ in der Leverkusener Stadtbibliothek an die Öffentlichkeit. Schließlich entstand daraus die Idee: Warum die in der Ausstellung präsentierten Kunstdrucke nicht für ein eigenes Märchenbuch nutzen? „Dieses Märchenbuch sollte natürlich ein Buch für alle jungen Menschen werden, egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Wir stellten schnell fest, dass das Konzept eines solchen barrierefreien Märchenbuchs noch gar nicht existierte,“ erzählt Anke Heitmeier.
Dabei gab es viele Fragen zu klären: Zunächst war die Überlegung, das Buch auch in Brailleschrift herstellen zu lassen, aber das allein hätte schon das vorgesehene Gesamtbudget aufgebraucht. Schließlich entstand die viel persönlichere Idee, selbst eine Hörversion des Buchs zu erstellen, die über QR-Codes an den Märchentexten abrufbar sein sollte. Diese Lösung nahm nicht nur Menschen mit Sehbehinderung, sondern auch solche ohne Alphabetisierung mit ins Boot. Aber auch eine Hörversion ist nicht für jeden zugänglich. Deshalb beschlossen sie, die Hörtexte an ein Video mit einer Darstellung in Gebärdensprache anzubinden, das dann ebenfalls über den QR-Code anwählbar sein sollte. Eine der beteiligten Jugendlichen, die selbst gehörlos ist, war bereit, die Märchen in Gebärdensprache zu erzählen, und sich dabei filmen zu lassen.
Eine eigene Sprache entwickeln
Eine große Herausforderung war es, die richtige Sprache zu finden. „Zunächst am wenigsten augenfällig und dann schließlich am stärksten beeindruckend war die Barriere, die in herkömmlichen Märchenbüchern durch die verwendete Sprache entsteht. Bereits das märchentypische ‚Es war einmal…‘, aber auch Formulierungen wie ‚dein Lebtag‘ und viele andere werden auch von Kindern und Jugendlichen ohne Behinderung kaum wirklich verstanden“, erzählt Anke Heitmeier. Und wer eine Lernschwäche oder geistige Einschränkungen mitbringe, habe kaum eine Chance, einen „klassisch“ erzählten Märchentext auch nur ansatzweise zu verstehen.
Es erwies sich für die Gruppe allerdings auch nicht als Lösung, die Märchen in „Leichter Sprache“ zu erzählen, die an bestimmte Regeln geknüpft ist. „Die Leichte Sprache erschien den Kindern und Jugendlichen ohne geistige Einschränkungen nicht mehr als ihre eigene. Die Vereinfachungen gingen für sie zu weit, um sich noch ernst genommen zu fühlen. Die Verwendung dieser Sprache hätte somit eine Abwendung von Kindern und Jugendlichen ohne Behinderungen von dem entstehenden Produkt bewirkt. Dies war natürlich von keinem gewollt.
Die Lösung lag dann darin, zunächst einfacher erzählte Versionen der Märchen zu erstellen, Diese haben die Kinder und Jugendlichen dann so lange immer wieder überarbeitet, bis sie allen gefielen und für alle verständlich waren. Die Vielfalt innerhalb der Gruppe erwies sich so als großer Vorteil, um ein Buch zu erstellen, das in einer vielfältigen Gesellschaft gemeinschaftlich angenommen wird. Dass sich der Aufwand gelohnt hat, zeigt nicht nur die hervorragende Resonanz. 2022 ist das Buch mit dem WDR-Kinderrechtepreis und 2023 mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet worden.
Die nächste Herausforderung steht an
Mit einem ein Fabelbuch, das noch in diesem Jahr erscheinen soll, steht bereits eine Fortsetzung des Erfolgsprojekts in den Startlöchern. Eine viel größere Herausforderung sieht Anke Heitmeier an ganz anderer Stelle. Der Verein möchte sich zusätzlich für Inklusion im Übergang von Schule zu Beruf einsetzen.
„Eine konkrete Hilfe für unser Engagement wären Einrichtungen in Leverkusen, die bereit wären, einem jungen Menschen mit Schwerbehinderung die Möglichkeit zu geben, ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. Für die gesellschaftliche Teilhabe der teilnehmenden jungen Menschen hat ein solches Jahr eine erhebliche Relevanz. Es ist traurig, wenn junge Menschen ihren freiwilligen Einsatz anbieten und keiner dies annehmen möchte – trotz des Angebots an Unterstützung durch umfangreiche Materialien, Beratungsmöglichkeiten und personeller Hilfen,“ erzählt Heitmeier.
Denn es gibt eben doch noch viele Barrieren zu überwinden.