Jüdisches Halle: Per App Geschichte erfahrbar machen
In Kooperation mit dem Zeit-Geschichte(n) e.V. Halle initiierte die Freiwilligen-Agentur Halle eine digitale Lernreise. Diese macht die vielen Facetten jüdischen Lebens in ihrer Stadt erfahrbar. Die Idee lädt zum Nachahmen ein.
Wie können Engagierte ihre Inhalte möglichst niedrigschwellig vermitteln? Eine Möglichkeit: ein spielerischer Ansatz. Das Projekt "Jüdisches Halle“ nutzt eine App dafür. Mithilfe eines digital unterstützten Stadtrundgangs wird die jüdische Geschichte der Stadt erlebbar – vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hier erfahrt Ihr, worauf es ankommt.
Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde Halle
„Mit der App Actionbound vermitteln wir auf eine interaktive Weise Bildungsinhalte, die für viele Menschen zugänglich sind. Unsere bisherigen Erfahrungen mit diesem Format zeigen, dass sich die Menschen in Halle an der Saale für die Facetten jüdischen Lebens in ihrer Stadt interessieren“, erzählt Stefanie List. Sie arbeitet bei der Freiwilligen-Agentur Halle, die das Projekt in Kooperation mit dem Zeit-Geschichte(n) e.V. Halle initiierte.
Im ehrenamtlichen Team sind derzeit etwa 10 Personen aktiv, insbesondere Schüler*innen und Studierende. Die Beweggründe der Engagierten sind sehr vielseitig: Einige der jugendlichen Engagierten möchten selbst mehr erfahren über die jüdische Kultur und Geschichte in ihrer Heimatstadt oder organisieren Gedenkstättenfahrten und Zeitzeugengespräche. Andere fühlen sich der Jüdischen Gemeinde Halle verbunden, da sie neben der Synagoge leben oder es grundsätzlich sehr wichtig finden, gegen Antisemitismus aktiv zu werden.
Das Projekt ist auch eine Reaktion auf den Anschlag auf die hallesche Synagoge am 9. Oktober 2019. Der Angriff hat wiederholt verdeutlicht, dass Antisemitismus ein sehr aktuelles Thema ist. „Aus dem kollektiven Entsetzen heraus ist die Idee entstanden, ein Projekt zum jüdischen Halle zu entwickeln, das für möglichst viele Menschen zugänglich ist“, sagt List. Mit dem Projekt wollen sie auf der einen Seite Wissen über das Judentum vermitteln und damit mehr Bewusstsein und Dialog schaffen. Andererseits sollen die Geschichten der jüdischen Menschen aus Halle erzählt und sichtbar gemacht werden. Das Ziel dabei ist es, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen.
Digitale Lernreisen machen Geschichte erlebbar
Als Mittel der Wahl wird die medienpädagogische App „Actionbound“ eingesetzt. Mit ihr können digitale Lernreisen - sogenannte „Bounds“ - erstellt und gespielt werden. Im Rahmen des Projekts entstanden bereits zwei solcher Bounds. Sie stehen jederzeit zur Verfügung und können sowohl alleine als auch mit Gruppen, beispielsweise Schulklassen, kostenfrei genutzt werden. Für die Nutzung ist lediglich ein Handy oder Tablet notwendig.
Die Nutzung der Actionbound-App und Erstellung eines Bounds ist sehr intuitiv. Die Mitglieder des Organisationsteams können die aufbereiteten Informationen in der App eintragen und die Stationen erstellen. „Es ist wichtig zu schauen, welche Features zum Thema der Tour passen und ob die Orte der einzelnen Stationen auch wirklich alle frei zugänglich sind. Rückmeldungen von Teilnehmenden sind für uns auch wichtig, denn dadurch merken wir, wenn eine Station einen Fehler enthält oder der Text unverständlich geschrieben ist“, erzählt List.
Viele bereits vorhandenen Inhalte konnten in die Bounds eingepflegt werden, z.B. dokumentarische Videos oder 360°-Bilder vom Innenraum der Synagoge. Andere Inhalte wurden zusammengetragen und recherchiert. Hier stellte sich heraus, dass die Recherche zum Teil deutlich umfangreicher war als zunächst angenommen. Hilfreich dabei war die Kooperation mit dem Zeit-Geschichte(n) e.V., der als fachlicher Partner bei der richtigen inhaltlichen Darstellung der Informationen eine große Unterstützung war.
Eine Tour für alle Altersgruppen
Bislang haben ca. 1.000 Personen an den Touren teilgenommen. „Viele Nutzer*innen berichten von ‚Aha-Momenten‘, wie beispielsweise ‚Dieser Ort hat eine wichtige Bedeutung für Jüd*innen, das war mir bisher gar nicht klar‘. Zu Beginn des Projekts, gingen wir davon aus, vor allem Jugendliche (oder junge ‚Handy-affine‘ Nutzer*innen) zu erreichen, tatsächlich ist die Gruppe der Interessierten aber viel größer und vielfältiger.“
2022 erhielten die Jugendlichen sowohl den JugendEngagementPreis in Sachsen-Anhalt als auch den Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland und waren für den Deutschen Engagementpreis nominiert.
Eine Idee mit Nachahmcharakter?
Können auch andere Engagierte die Idee für Ihre Projekte nutzen? „Unbedingt! Mit einer solchen Tour schafft man eine neue Perspektive, indem man die Nutzer*innen dazu anregt, verschiedene Orte in einem bestimmten Kontext neu zu entdecken. Man kann sich auf der Actionbound-Webseite wunderbar inspirieren lassen von anderen Touren aus ganz Deutschland. Wir empfehlen, Themen zu wählen, für die Sie selbst Expert*innen sind oder Expert*innen zum Thema einzubeziehen“, berichtet Stefanie List.
Darüber hinaus ist es auch möglich, Bounds ortsunabhängig zu erstellen. Dann liegt der Fokus ganz auf den thematischen Inhalten. „Hier ist Actionbound ein großartiger Türöffner, um in ein Thema spannend einzusteigen, weil es sehr abwechslungsreich ist für die Nutzer*innen. Es bietet zudem einen geschützten Raum, d.h. ich befasse mich mit den Inhalten auf meinem eigenen Endgerät und kann hier ganz persönliche Erkenntnisse haben. Was davon ich veröffentlichen möchte, entscheide ich selbst.“